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Die Architektur des "Internationalen Stils" (Bauhaus) in Palästina

Wohnungsbau in Tel Aviv, Frishman St., 1930er Jahre
(Archivabteilung der Nationalbibliothek, TMA 5249)

Als der Architekt Walter Gropius im Jahr 1919 in der deutschen Stadt Weimar die Kunsthochschule namens "Bauhaus" gründete, hatte er zweifellos große Pläne, doch dass die Tradition, die mit der Gründung der Hochschule ins Leben gerufen wurde, das Angesicht der Welt in Bezug auf die Architektur und die Gestaltung von Gebrauchsgegenständen grundlegend ändern würde, war nicht von vornherein zu erwarten gewesen. Was als neue Idee entstand – die Ausbildung von Künstlern unter weitestgehender Verbindung von Theorie und Praxis, sowie die Ausbildung von Kunsthandwerkern, verbreitete sich als Konzept bald über die Welt und basierte zudem auf der Grundlage von einfachem Design mit hoher Funktionalität. Obwohl die Hochschule nur 14 Jahre lang existierte und nur einige hundert Absolventen entließ, gilt sie bis heute als Wiege der modernen und freien sowie der angewandten Künste.

Obwohl im Bauhaus eine breite Palette von Kunst und Handwerk gelehrt wurde, lag der Schwerpunkt stets bei der Architektur, nicht nur wegen des Berufs des Gründers der Institution und ihres Direktors für neun Jahre, Walter Gropius. Nach seiner Auffassung sollten sich alle Fähigkeiten des Künstlers auf das Bauen als umfassenden Ausdruck der Künste fokussieren. Gropius konnte für die Hochschule herausragende avantgardistische Künstler als Dozenten gewinnen: Paul Klee, Wassili Kandinski, Lionel Feininger, Oskar Schlemmer, Marcel Breuer, Laszlo Moholy-Nagy und andere. Die moderne und avantgardistische Atmosphäre am Bauhaus war letztlich nicht mit der konservativen Stimmung in Weimar vereinbar, so dass die Institution ihren Sitz ins einige Dutzend Kilometer nördlich gelegene Dessau verlegte. Dort errichtete Walter Gropius das berühmte Bauhaus-Gebäude und die Meisterhäuser, die bis heute existieren und als Perlen des Bauhausstils gelten. Die Gestaltung der Gebäude entsprach den künstlerischen Ideen der Hochschule und setzte Standards, die bis heute an vielen seitdem errichteten Gebäuden identifiziert werden können. Wegen des zumehmenden Einflusses der Nazis im Stadtrat von Dessau ab 1932 musste schließlich die Institution ein zweites Mal ihren Sitz verlegen, diesmal – bis zur endgültigen Schließung 1933 – nach Berlin. Der letzte Direktor war der bedeutende Architekt Ludwig Mies van der Rohe. Bis zur Schließung des Bauhauses konnten seine Absolventen bereits seine Ideen unter den modernen Architekten und Künstlern verbreiten, so dass der Stil sogar von solchen Architekten übernommen wurde, die niemals an dieser Hochschule studiert hatten. Die Nationalsozialisten bekämpften sowohl die Ideen des Bauhauses, wie auch seine Internationalität, so dass die Schließung 1933 letztlich eine erwartete Kosequenz aus den politischen Veränderungen war. Dozenten, Studenten und Absolventen der Hochschule flohen in andere Länder und verbreiteten auf diese Weise die Konzepte des Bauhaus in der Welt.

 

Das Rechavia-Viertel in Jerusalem während der Bauarbeiten, Archivabteilung der Nationalbibliothek, TM 8° 791
 

Der Name des Bauhaus verbreitete sich verhältnismäßig schnell auch jenseits der Grenzen Deutschlands, so dass unter den Studenten auch Bürger anderer Länder zu finden waren, auch aus Palästina. Zusätzlich zu den vier Architekten, die extra aus Palästina nach Deutschland zum Bauhaus-Studium gekommen waren (Salomon Bernstein, Munio Gittai-Weinraub, Samuel Mestechkin und Arieh Sharon) kamen nach Palästina oder kehrten dorthin noch weitere zurück, die an der Hochschule studiert hatten oder von ihr beeinflusst waren: Erich Mendelsohn, Richard Kauffmann, Genia Awerbuch, Mordechai Ardon, Isaak Rapaport und andere. Durch die Arbeit dieser Künstler und vor allem der Architekten unter ihnen, wurde der charakteristische Baustil geschaffen, den man bis heute in Städten und sogar Kibbutzim in Israel finden kann. Seinen stärksten Ausdruck fand dieser Stil in der so genannten "Weißen Stadt" in Tel Aviv. Dort existiert das größte Gebäudeensemble des "Internationalen Stils" auf der Welt: Mehr als 4000 Gebäude lassen sich in Tel Aviv dem Stil zuordnen, so z.B. um die Dizengoff-Straße, die Bialik-Straße und den Rothschild-Boulevard herum. Dieses Ensemble wurde im Jahr 2003 in die Liste der Weltkulturerbe-Stätten der UNESCO aufgenommen.

Es gibt jedoch auch in anderen Städten Gebäude in diesem Baustil, so etwa in Jerusalem (das Rechavia-Viertel, das Hadassa-Krankenhaus auf dem Mount Scopus, die Villa Schocken, Beit Hama'alot und andere) und auch in Haifa. Das Rechavia-Viertel wurde durch den deutsch-jüdischen Architekten Richard Kauffmann konzipiert, der u.a. auch die "Weiße Stadt" in Tel Aviv und den Kibbutz Nahalal geplant hatte. Samuel Mestechkin prägte das Antlitz vieler Kibbutzim, hauptsächlich der Speisesäle, wie etwa im Kibbutz Na'an, Mishmar Ha'emek, Misra, Yad Mordechai und andere. Der Einfluss des "Internationalen Stils" auf die Architektur in Palästina/Israel war so groß, dass sogar bis heute Gebäude geplant und gebaut werden, die zahlreiche zentrale Stilelemente aus dem Repertoir des "Internationeln Stils" verwenden.

​Der Mount Scopus und das Hadassa-Krankenhaus während seiner Errichtung, 1938Das Rechavia-Viertel in Jerusalem mit Blick auf die Villa Schocken, 1938

Foto: Zoltan Kluger, Archivabteilung der Nationalbibliothek, TMA 507.2