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Demokratieende und Diktaturbeginn

​Demokratieende und Diktaturbeginn: 80 Jahre seit Ende der Weimarer Republik und der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in Deutschland – Propagandamaterialien aus den Sammlungen der Israelischen Nationalbibliothek

 

Kurator: Dr. Stefan Litt 

 

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​Der erste umfassende demokratische Versuch für das gesamte Deutschland dauerte ziemlich genau 14 Jahre: Vom Januar 1919 bis zum Januar 1933 war das Deutsche Reich eine demokratisch-parlamentarische Republik mit allen dazugehörigen modernen Institutionen: einer Verfassung, Parteien, einem Parlament, Wahlen, Koalitionen, Oppositionen und einer Regierung. Die Errichtung einer Demokratie war ein großer Schritt für die deutsche Gesellschaft, die über Jahrhunderte hinweg an die Regierung durch den Adel, die Monarchie, gewöhnt war. Viele Bürger begrüßten die neue Freiheit, andere jedoch lehnten den Geist der Veränderungen ab und schlossen sich in nationalen und monarchistischen Vereinigungen und Parteien zusammen. Viele Angehörige der Beamtenschaft verblieben in  ihren alten Positionen noch aus der Kaiserzeit und unterstützen keinesfalls uneingeschränkt die Etablierung der Demokratie, sondern versuchten diese zu zersetzen.

 

Die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren eine hochdynamische Epoche nicht nur in politischer Hinsicht: Auf der einen Seite beherrschten Depressionen und Enttäuschung über die Niederlage im Ersten Weltkrieg die Stimmung und Deutschland geriet in eine tiefe wirtschaftliche Krise mit Hyperinflation bis zum Jahr 1924. Auf der anderen Seite gelangten in dieser Epoche die Literatur, Wissenschaft und Kunst zu einer ungeahnten Blüte. Strömungen wie der Expressionismus und der Dada schufen neue Richtungen und Standards in der Literatur, welche bis heute von Bedeutung sind. Max Reinhardt revolutionierte weiter das Theater und Fritz Lang schuf einen neuen Stil in der Filmkunst (beide wirkten darin noch nach ihrer Emigration in die USA in den 1930er Jahren). In der Stadt Dessau  entwickelten einige anvantgardistische Künstler einen modernen Stil in Gestaltung und Architektur im Rahmen des Bauhauses. Dieser Stil verbreitete sich rasch in der ganzen Welt und wurde unter dem Namen "Internationaler Stil" bekannt (in Tel Aviv prägte er den Charakter zahlreicher Straßen). Neue wissenschaftliche Erkenntnisse veränderten die Grundlagen der Welterkenntnis. In diesen 14 Jahren wurden herausragende Personen, Schriftsteller und Forscher aus Deutschland 17 Mal mit dem Nobelpreis geehrt, unter ihnen Thomas Mann, Albert Einstein, Otto Warburg und Gustav Herz. Luftschiffe errichteten die ersten Luftbrücken zwischen Europa und Amerika. Gleichzeitig nahmen riesige, in Deutschland gebaute Dampfschiffe am Rennen um den Titel für die kürzeste Zeit auf der Route Europa – New York teil. Jazz und Swing eroberten die Tanzlokale in Berlin und Hamburg. All diese Dinge schufen das Gefühl der "Goldenen Zwanziger" Jahre.
 
Parallel zu diesen Erscheinungen des Fortschritts entwickelten sich starke nationalistische Gedanken und der Antisemitismus verbreitete sich zusehends. Die kleine Partei eines ehemaligen österreichischen Gefreiten begann ihren Weg und erregte das erste Mal Aufsehen am 9. November 1923, als einige Dutzend "Nationalsozialisten" in München aufmarschierten und die Reichsregierung zu stürzen versuchten. Damals wurden diese Putschisten noch weitgehend belächelt und niemand vermutete, dass zehn Jahre später diese Figuren tatsächlich die Regierung übernehmen würden – auf demokratischem Wege und als Ergebnis der Reichstagswahlen vom November 1932!
 

Bis 1933 waren auf der politischen Bühne zahlreiche Parteien aktiv, die das gesamte Spektrum vertraten: von Links bis Rechts, von den Kommunisten bis hin zu den Deutschnationalen und den Nazis. Aufgrund der niedrigen Sperrklausel gelangten jedes Mal relativ viele Parteien in den Reichstag, das Nationalparlament in Berlin. Diese hohe Zahl der vertretenen Parteien erschwerte oft die Errichtung stabiler Koalitionen, so dass häufig die Wahlperioden nicht zu einem natürlichen Ende gelangten sondern durch Auflösung der Koalitionen beendet wurden. Dies geschah besonders oft in den letzten fünf Jahren der Weimarer Republik. In allen Wahlkämpfen produzierten die Parteien Propagandamaterial, dass die Wähler durch Verteilung von Flugblättern in den Straßen oder durch Plakatieren auf Wänden und Litfaßsäulen erreichte. Parteigebundene Zeitungen druckten Sondernummern für die Wahlen. Alle diese Materialien wurden in zehntausenden Exemplaren hergestellt, doch war deren Lebensdauer meist nur kurz: Nach dem Lesen wurden diese Drucksachen weggeworfen und nur wenige Exemplare verblieben in Parteiarchiven oder Privatsammlungen.
 
Einer solcher Privatsammler war Arthur Czellitzer, ein jüdische Augenarzt in Berlin. In seiner Freizeit befasste sich Czellitzer mit anderen Themen, wie der Familienforschung, worin er als Experte galt. Offensichtlich besaß dieser Arzt ein hohes historisches Bewusstsein, aus dem heraus er gewissenhaft die Wahlkampfmaterialien eher gemäßigter Parteien zwischen den Jahren 1919 bis 1928 sammelte. Oft fügte Czellitzer den von ihm gesammelten Flugblättern Daten hinzu und heftete diese in Ordnern ab. Im Jahr 1936, drei Jahre nach Beginn der NS-Zeit, übergab Czellitzer die Sammlung (ca. 800 Stücke) an die Nationalbibliothek in Jerusalem. Nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs konnte er nach den Niederlanden fliehen, wurde jedoch nach der Okkupation durch die Nazis verhaftet und schließlich im Konzentrationslager Sobibor ermordet. Die Sammlung Czellitzer (V 662) ist besonders umfangreich und enthält bemerkenswerte Stücke nicht nur in politischer, sondern auch in grafischer Hinsicht. Zusammen mit weiteren Materialien aus anonymen und kleineren Sammlungen (V 541, V 904) dokumentieren diese Drucke den tragischen Weg der ersten deutschen Demokratie hin zur Diktatur und zum Abgrund. 

 

  • 1. Plakat mit Aufruf zur Wahl zur Deutschen Nationalversammlung, 1919
  • 2. Plakat der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), 1920
  • 3. Plakat der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), 1920
  • 4. Plakat der SPD, 1920
  • 5. Handzettel der Deutschnationalen Volkspartei, 1920
  • 6. Plakat der DDP, 1924
  • 7. Plakat der (katholischen) Zentrums-Partei, 1924
  • 8. Plakat der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), 1924
  • 9. Handzettel der DNVP, ca. 1925
  • 10. Extrablatt der Zeitung "Vorwärts" anlässlich des Todes von Präsident Friedrich Ebert, 1925
  • 11. Propagandazettel der DNVP, ca. 1925
  • 12. Plakat der DNVP, ca. 1925
  • 13. Plakat der SPD, 1930
  • 14. Plakat der Deutschen Volkspartei (DVP), 1930
  • 15. Plakat der SPD, 1930
  • 16. Handzettel der KPD, 1932
  • 17. Propagandazeitung zu den Reichspräsidentenwahlen (letzte Seite), 1932
  • 18. Propagandazeitung der NSDAP, 1932
  • 19. Handzettel der SPD, 1932
  • 20. Titelseite der "Berliner Illustrierte Nachtausgabe", 31.3.1933