Ein Brief Walter Rathenaus an Stefan Zweig

Walter Rathenau ​Walter Rathenau (1867-1922) wurde in Berlin als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren. Sein Vater war der bekannte Industrielle Emil Rathenau, Gründer der Allgemeinen Elektrizitäts Gesellschaft (AEG). Walter Rathenau studierte Physik, Chemie, Philosophie und Ingeneurswissenschaften und engagierte sich nach Abschluss seiner Studien in den Geschäften seines Vaters. 1912 wurde Rathenau Vorstandsvorsitzender der AEG und saß außerdem in zahlreichen weiteren Vorständen von Industriegesellschaften. Aufgrund der Spezialisierung der AEG in elektrischen und technischen Geräten fiel Rathenau eine wichtige Rolle bei der logistischen Planung der Rohstoffversorgung und bei den Kriegsanstrengungen der deutschen Wirtschaft zu. Schließlich wurde er zum Verantwortlichen im Deutschen Kriegsministerium für die Rohstoffversorgung der Kriegswirtschaft ernannt.

Im Laufe des Krieges verstärkte sich seine Loylität gegenüber den Kriegszielen der deutschen Seite und er forderte drastische Schritte gegen die Feinde Deutschlands. Trotz dieser Haltung wurde Rathenau nach Kriegsende zum Minister für Wiederaufbau ernannt und fungierte ab Januar 1922 sogar als Außenminister der Weimarer Republik. Bis heute ist das die höchste Position, die eine jüdische Persönlichkeit in einer deutschen Regierung bekleidete. Nur ein halbes Jahr nach der Ernennung, auf dem morgendlichen Weg ins Ministerium, wurde Rathenau von rechtsradikalen Akteuren ermordet.

Stefan ZweigDer erste Hinweis für die Kontakte zwischen Rathenau und dem österreichischen Schriftsteller Stefan Zweig finden sich in den Archivalien der Nationalbibliothek aus dem Jahre 1907. Rathenau schätzte literarisches und künstlerisches Schaffen und betätigte sich zuweilen selbst als Schriftsteller. Es ist bekannt, dass sich beide Persönlichkeiten mehrmals zum Meinungsaustausch über Kunst und Politik trafen.

 

Daher ist der Hintergrund für den hier gezeigten Brief vom 24. Oktober 1914 nicht überraschend: Der französische Schriftsteller Romain Rolland, Pazifist, Aktivist gegen den Krieg und aktiver Förderer des Hilfswerks für Kriegsgefangene, hatte sich einige Tage zuvor an Zweig mit der Idee gewandt, ein Forum bekannter europäischer Persönlichkeiten aus allen Gebieten einzuberufen, um vereint gegen den Kriegswahn vorzugehen. Rolland ersuchte Zweig, weitere Personen aus seinem Umkreis für das Vorhaben zu gewinnen. Zweig wandte sich unter anderem an Walter Rathenau, doch im Oktober 1914 war dieser schon nicht mehr an der Erhaltung des Friedens interessiert, wie aus seinem Brief an Zweig hervorgeht. Rathenau widmete sich völlig seiner neuen Aufgabe im Deutschen Kriegsministerium und hatte kein Interesse daran, sich Initiativen zur Beendigung des Krieges anzuschließen oder über Kriegshandlungen der deutschen Armee in Belgien (Bombardierung der Stadt Leeuwen) oder in Frankreich (Bombardierung von Reims) zu diskutieren, die schon in den ersten Kreigsmonaten die Welt entsetzt hatten.

 
Die Haltungen von Zweig und Rathenau veranschaulichen einige der der Möglichkeiten, unter denen herausragende jüdische Persönlichkeiten in Mitteleuropa wählen konnten: Zweig lehnte zeitlebens Krieg und Ausdrücke von Nationalismus ab, die jedoch in den am Ersten Weltkrieg beteiligten Ländern stark verbreitet waren. Er sah sich als Weltbürger und glaubte innig an das Handlungsvermögen der europäischen Kultur.

 
Hingegen war Rathenau ein klassisches Beispiel für einen deutschen Juden, der versuchte, sich in die allgemeine Gesellschaft zu integrieren und sogar zur Verstärkung nationalistischer Haltungen beitrug. Wie sein Vater und wie der Händler und Sammler James Simon sowie der Reeder Albert Ballin (allesamt jüdischer Herkunft) war auch Walter Rathenau gut mit Kaiser Wilhelm II. bekannt. Wie die anderen war auch er nicht-offizieller Berater des Kaisers. Diese Stellung, wie auch seine politischen Ämter in den frühen Jahren der Weimarer Republik halfen ihm letztlich nicht weiter. Hier liegt die Tragödie, die der Figur Rathenaus, wie auch anderen Persönlichkeiten seiner Zeit innewohnt: In den Augen der deutschen Rechtsextremen blieben Personen wie Rathenau zunächst immer Juden und als solche wurden sie für Feinde des deutschen Volkes erachtet.