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30. Januar 1933 – Die Machtübernahme der Nazis und Sebastian Haffners Buch Geschichte eines Deutschen

Seit dem Jahr 1928 wurden die deutschen Wähler mindestens alle zwei Jahre zu den Wahlurnen gerufen: Das Politische System litt unter seiner Instabilität, die durch die Weltwirtschaftskrise, die Massenarbeitslosigkeit infolgedessen und die Zerfaserung der politischen Macht auf zahlreiche Parteien im Nationalparlament begünstigt wurde. 1932 war die Situation schließlich so ernst, dass zwei deutsche Regierungen innerhalb eines Jahres scheiterten, was zu Reichstagswahlen im Juli und im November führte. Schon in den Wahlen vor 1932 konnte die Partei Hitlers viele Wähler überzeugen, doch im Juli 1932 erreichte sie erstmals die relative Mehrheit und zog als stärkste Partei in den Reichstag ein. Zusammen mit den kommunistischen Abgeordneten (beide aus antidemokratischen Parteien) hielten die Nazis die absolute Mehrheit im Reichstag, was jegliche Koalitionsbildung verhinderte. In dieser Phase lehnte Hitler jede Zusammenarbeit in einer Regierung, die nicht unter seiner Führung gewesen wäre, ab und der Präsident, Paul von Hindenburg, war zu dieser Zeit noch nicht bereit, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen. So blieb keine Alternative zu Neuwahlen im November 1932.


Diese Wahlen vermittelten zunächst den Eindruck, dass der unaufhaltsame Aufstieg der Nazis gestoppt sei: zum ersten Mal seit Jahren hatten sie Stimmen verloren. Dennoch blieben sie weiter die stärkste Partei im Reichstag. Trotz dieser Entwicklung existierte noch immer keine reale Möglichkeit zur Bildung einer stabilen Kolaition. Der Präsident ernannte den preußischen General Kurt von Schleicher zum Reichskanzler, der versuchte, eine Regierung mit Unterstützung gemäßigter politischer Kräfte aus unterschiedlichen Lagern zu bilden ("Querfront"), einschließlich des gemäßigten Flügels der NSDAP. Schleicher hoffte, so die Nazis spalten zu können, doch misslang der Versuch und der letzte Kanzler vor Hitler musste am 28. Januar 1933 zurücktreten. Zwei Tage darauf ernannte Hindenburg schließlich Adolf Hitler zum deutschen Reichskanzler, doch blieben die meisten Ministerien noch in den Händen anderer Parteien. Hitler und seine seine Gefolgsleute verstanden es bald, die Macht in allen politischen Bereichen an sich zu reißen, sowohl auf politischem, als auch auf gewaltsamem Wege. Nur wenige Monate darauf hatten die Nazis bereits die gesamte politische und staatliche Gewalt in ihren Händen – fast ohne Wiederstand durch das deutsche Volk, das mehrheitlich nie für die Nazis gestimmt hatte..

​Am Abend des 30. Januar zogen lange Reihen der Nazis in ihren Uniformen und mit Fackeln in den Händen durch das Brandenburger Tor und feierten ihren "Sieg". Es gibt Berichte über den bekannten jüdischen Maler Max Liebermann, der unmittelbar neben dem Brandenburger Tor wohnte, wonach er diesen Anblick mit den Worten kommentierte: "Man kann gar nicht so viel fressen, wie man kotzen möchte."


 


 

 

Über den Prozess der Regierungsübernahme im Speziellen und über die Entwicklungen in Deutschland in jener Zeit im Allgemeinen berichtete der deutsche Publizist Sebastian Haffner (1907-1999). Haffner war um das Jahr 1933 Jurastudent und stand den Nazis und ihrem barbarischen politischen Stil ablehnend gegenüber. 1938 emigrierte Haffner nach England und begann dort seine politisch-historische schriftstellerische Tätigkeit über Deutschland und die zeitgenössische Geschichte. Er verfasste eine Reihe von Büchern und schrieb auch für eine antifaschistische deutsche Zeitung, die in England erschien. Seine erste Schrift, die heute "Erinnerungen eines Deutschen" (1939) genannt wird, blieb zu Haffners Lebzeiten unvollendet und unveröffentlicht und erschien erst nach seinem Tod im Jahr 2000. In dieser Schrift, die in zahlreiche Sprachen und auch ins Hebräische übersetzt wurde, beschreibt Haffner die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Jahren 1914-1933 aus einem sehr persönlichen und alltäglichen Blickwinkel. So schrieb er zu den Ereignissen vom Jahresbeginn 1933, nach der Machtkonsolidierung der Nazis:

 

Es ist typisch für die ersten Jahre der Nazizeit, daß die ganze Façade des normalen Lebens kaum verändert stehen blieb: volle Kinos, Theater, Cafés, tanzende Paare in Gärten und Dielen, Spaziergänger harmlos flanierend auf den Straßen, junge Leute glücklich ausgestreckt an den Badestränden. Die Nazis haben das auch in ihrer Propagande weidlich ausgenutzt: "Kommt und seht unser normales, ruhiges, fröhliches Land. Kommt und seht, wie gut es sogar die Juden bei uns noch haben." Den geheimen Zug von Wahnsinn, von Angst und Spannung, von "heut ist heut" und Totentanzstimmung konnte man freilich nicht sehen ..." [deutsche Ausgabe, Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2002, S. 152]

 

Über den Regierungsantritt der Nazis und über die politischen Veränderungen schreibt er:

 

 Was ist eine Revolution?

Staatsrechtler sagen: Die Änderung einer Verfassung mit anderen als den in ihr vorgesehenen Mitteln. Akzeptiert man diese dürre Definition, dann war die Nazi-"Revolution" vom März 1933 keine Revolution. Denn alles ging streng "legal" vor sich, mit Mitteln, die durchaus in der Verfassung vorgesehen waren, "Notverordnungen" des Reichspräsidenten zunächst und schließlich einem Beschluß, die unbeschränkte Gesetzgebungsgewalt auf die Regierung zu übertragen, gefaßt von einer Zwweidrittelmehrheit des Reichstages, wie sie für Verfassungsänderungen vorgesehen war. [S. 122]

 

Die Lektüre von Haffners Buch ist faszinierend und erschreckend zugleich: die Berichte über die gewaltsame und politische Machtübernahme, über den Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April und über das allmähliche Eindringen des faschistischen Gifts in weite Teile der breiten Bevölkerung. Die Schrift Haffners beweist, dass es möglich war zu erkennen, wohin der Weg Deutschlands seit Beginn 1933 wies. Wer es sehen wollte, sah es.