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"Ha'avara-Abkommen" und der Boykott Deutscher Produkte

Ab dem Frühling 1933 waren im Straßenbild Palästinas mehr und mehr Plakate gegen den Kauf deutscher Produkte zu sehen. Jüdische Organisationen wandten sich mit diesen Plakaten an die Öffentlichkeit und riefen zum Boykott deutscher Waren auf, mit dem Ziel, damit der deutschen Wirtschaft und letztlich den kurz davor zur Macht gelangten Nazis zu schaden. Dieser Boykott erfolgte als Reaktion auf die Boykottierung jüdischer Geschäfte und Firmen im Deutschen Reich am 1. April 1933. Jüdische Organisationen in verschiedenen Ländern riefen darauf zum Verzicht auf den Erwerb deutscher Produkte weltweit und auch in Palästina auf. Der Boykott in Palästina selbst konnte natürlich die deutsche Wirtschaft nicht wirklich beeinträchtigen, doch das gemeinsame Vorgehen jüdischer Organisationen in mehreren Staaten, vor allem aber in den USA, zeigte durchaus Ergebnisse. Dennoch konnte damit die NS-Politik gegen Juden nicht grundsätzlich geändert werden.​

In dieser Zeit galten deutsche Produkte bereits als recht zuverlässig und qualitätsvoll. Deutschland war ein industrialisiertes Land und seine Waren wurden in alle Welt verkauft. Importeure und Händler in Palästina waren am Handel mit den Produkten deutscher Fabriken interessiert und warben für diese in Anzeigen und Postern, teils in Hebräisch und teils zweisprachig in Hebräisch und Deutsch. Die Expertise deutscher Firmen bei der Herstellung von Maschinen und technischen Produkten versprachen große Absatzerfolge, auch im Palästina der 1930er Jahre. Zu dieser Zeit waren viele Bereiche der heimischen Wirtschaft dort noch in der Entwicklung begriffen.  Es gab aber auch andere Arten von deutschen Waren, die in palästinischen Läden zu haben waren, wie etwa Medikamente der Firma BAYER oder Fotoausrüstung aus dem Hause AGFA, die in Zeitungen und in anderen Druckerzeugnissen beworben wurden (wie zum Beispiel in den Festprogrammen für Purim in Tel Aviv).


Mit dem Aufruf zum Boykott gerieten die politischen Führer der jüdischen Bevölkerung Palästinas in ein großes Dilemma. In etwa zur selben Zeit (am 25. August 1933) wurde von ihnen mit der deutschen Naziregierung das "Ha'avara-Abkommen" unterzeichnet, an dem beide Seiten großes Interesse hatten. Die Naziregierung hoffte, mit Hilfe dieses Abkommens den weltweiten Boykott gegen deutsche Waren aufzuweichen. Die NS-Führung war in den Anfangsjahren noch davon überzeugt, dass die Emigration der Juden aus Deutschland "aus freien Stücken" zu fördern sei, um so das "Judenproblem zu lösen". Dem gegenüber hoffte die jüdische Seite, dass das Abkommen den an an einer Einwanderung nach Palästina Interessierten helfen könnte, größere Teile ihres Vermögens mit sich zu nehmen. Seit 1931 wurde – infolge der Weltwirtschaftskrise – Emigranten aus Deutschland eine sehr hohe Steuer auferlegt, die bei der Ausfuhr ihrerer Habe in Ausland zu zahlen war. Diese Verfügung war auch noch nach dem Machtantritt der Nazis in Kraft. Im Rahmen des Abkommens eröffnete sich nun den deutschen Juden eine Möglichkeit, ihr Vermögen nach Palästina zu überführen: Für die Einwanderung mussten die Emigranten den hiesigen Behörden eine Summe Geldes in Höhe von wenigstens 1000 Pfund vorweisen. Diesen Betrag konnten sie nun auf ein deutsches Bankkonto entrichten und mit diesen Mitteln wurden deutsche Waren zum Export nach Palästina aufgekauft. In Palästina verkauften die Importeure die deutschen Produkte und zahlten den Erlös auf ein palästinisches Bankkonto ein, von dem den Eimgranten schließlich ein sehr großer Teil ihres Geldes wieder ausgezahlt wurde. Es wird geschätzt, dass zehntausende Einwanderer aus Deutschland diese Möglichkeit nutzten, um ihr Vermögen vor den NS-Steuerbehörden zu retten. Es ist nur natürlich, dass das Abkommen und eine wesentliche Komponente – die Einfuhr deutscher Produkte in der Zeit des ausgerufenen Boykotts – zu intensiven öffentlichen Disputen führten. Einerseits erfolgte eine breite Ablehnung gegen das "Ha'avara-Abkommen", doch gab es auch Stimmen zu seiner Unterstützung, so etwa von Seiten der Organisation der Einwanderer aus Deutschland, die die Beeinträchtigung der Vermögensüberführung für diejenigen befürchteteten, die noch nicht eingewandert waren.


 


Die öffentlichen Aktivitäten für den Boykott dauerten fast die gesamten 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts an, doch blieb auch das Abkommen über all die Jahre gültig. Es wird geschätzt, dass etwa 140 Millionen Reichsmark auf diese Weise bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 transferiert wurden. Aus wirtschaftlicher Hinsicht war das "Ha'avara-Abkommen" sowohl für die Einwanderer aus Deutschland, wie auch für die palästinische Wirtschaft ein Erfolg. Der Verhandlungsführer auf der jüdischen Seite war Chaim Arlosoroff, doch wurde er in Tel Aviv noch vor der Unterzeichnung des Abkommens ermordet. Die Hintergründe und Motive für den Mord sind bis heute nicht völlig geklärt, doch besteht die Möglichkeit, dass das Motiv seine Beteiligung an den Kontakten mit der nazideutschen Seite war.