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Der Komponist Paul Ben-Haim und sein Weg von Deutschland in den Nahen Osten

​Dr. Gila Flam


מתוך הפרטיטורה של הפיוט "אהבת הדסה"

Die Notenhandschrift für das Lied "Ahavat Hadassa", erste Seite, 1958

 

Der Komponist Paul Ben-Haim wurde 1897 in München als Paul Frankenberger geboren und starb 1984 in Tel Aviv. Ben-Haim war Absolvent der Münchener Königlichen Akademie für Tonkunst in den Fächern Komposition, Dirigieren und Klavier (1920) und war danach als Assistent von Bruno Walter an der Münchner Oper tätig. Zwischen 1924 und 1931 dirigierte Ben-Haim das Augsburger Opernorchester und emigrierte 1933 nach Palästina. Seine Lebensgeschichte ist die vieler deutscher Juden, die den mit den persönlichen und politischen Verwerfungen jener Zeit verbundenen Bruch in der ganzen Breite durchlebten. Der schöpferische Komponist Ben-Haim, der bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland studiert und gewirkt hatte, war plötzlich ohne Arbeit, sprachlos geworden durch die fremde Sprache und ohne passenden Rahmen, der ihm die Fortsetzung seiner Tätigkeit als Komponist und Dirigent ermöglicht hätte.

 


Mit seiner Auswanderung nach Palästina suchte Ben-Haim nach neuen Wegen der Verwirklichung, bei der er auch dem kulturellen Kontext Rechnung tragen konnte, in dem er in Palästina vor der Staatsgründung lebte. Auf seiner Suche nach einem neuen Klang schloss er Bekanntschaft mit der Sängerin Zafira Asher, die jüdisch-jeminitischer Herkunft war und aus ihren Kindheitstagen in Jerusalem sefardische, bucharische, jeminitische und auch arabische Melodien kannte. Ben-Haim zeigte sich von diesen Melodien, die Asher ihm nahebrachte, beeindruckt und diese bat ihn um die Niederschrift der Stücke in Notenform und um seine Klavierbegleitung. Diese Melodien verflocht Ben-Haim mit seinen Werken, die er in der klassischen postromantischen deutschen Musiksprache geschrieben hatte, die ihm so vertraut war.


Paul Ben-Haim in jungen Jahren, 1914 (MUS 055 / M1-28)Paul Frankenberger änderte seinen Namen in Paul Ben-Haim, doch seine musikalische Ausdrucksform und das Publikum, an das er sich wandte, blieben mit den Konzertsälen verbunden. Nach seiner Einwanderung nach Palästina war er gezwungen, Klavier zu spielen und zu unterrichten, musste sich mit den wenigen Musikern, die er kennen lernte und dem begrenzten Publikum bei Konzerten bescheiden. Im Jahr 1936 wurde das Philharmonische Orchester in Palästina gegründet, das vielen hervorragenden jüdischen Musikern ein Betätigungsfeld bot. Diese Gründung, die Einwanderung von weiteren Musikern und auch das stetige Anwachsen der Bevölkerung vergrößerten für Paul Ben-Haim die Möglichkeit, auch Stücke für größere Orchester zu schreiben, wie er es aus Deutschland gewohnt war.


Nach der Staatsgründung genoß Ben-Haim zunehmend internationale Anerkennung, nicht zuletzt durch die Aufführung seiner Werke durch rennomierte Künstler wie Jascha Heifetz, Leonard Bernstein, Jehudi Menuhin und andere. 1957 wurde ihm der Israel-Preis für Musik verliehen.


Ein interessanter Umstand in seiner Biografie ist, dass Paul Ben-Haim seinem Schüler, dem Komponisten Ben-Zion Orgad (auch er aus Deutschland) eine Verfügung überreichte, in der er darum bat, alle seine in Deutschland vor 1933 geschrieben Werke zu vernichten, darunter viele Lieder, die die Texte herausragender deutscher Lyriker vertonten: Goethe, Heine, Hofmannsthal, Eichendorff, Morgenstern u.a. Später scheint Ben-Haim diese Absicht vergessen zu haben, denn er bemühte sich darum, diese Lieder von der Sängering Cilla Grossmayer aufgeführt zu hören, auch sie deutscher Herkunft.


Paul Ben-Haim sprach kaum Hebräisch. Die Texte, die er in Israel mit seinen Kompositionen verband, bekam er von der Sängerin Bracha Zfira oder entnahm sie den klassischen jüdischen Quellen, mit der Ausnahme von einigen Werken, wie "Kokhav Nafal" (Ein Stern ist gefallen), in dem ein Text von Matti Katz enthalten ist. Diese Schöpfung wurde von der Familie des Dichters in Auftrag gegeben. Zu seinem 75. Geburtstag wurde Ben-Haim in seine Geburtsstadt München eingeladen, die er seit 1933 nicht mehr gesehen hatte. Die Münchner Stadtverwaltung veranstaltete ein Konzert mit seinen Werken, bei dem die Kompositionen "Essa Eini" (Psalm 121), vier Lieder aus "Klänge aus dem Orient" (nach Liedern von Bracha Zfira), die Liederreihe "Kokhav Nafal" und eine Violinsonate aufgeführt wurden. Zum Ende seines Aufenthaltes in der Stadt wurde er bei einem Verkehrsunfall verletzt, von dessen Folgen er sich nie wieder vollständig erholte.


Der Nachlass von Paul Ben-Haim wurde von ihm selbst im Jahr 1980 an die Musikabteilung der Nationalbibliothek übergeben. Es ist der einzige Nachlass, in dem die Werke des Komponisten in zwei Bestände aufgeteilt wurden: MUS 55 mit den Kompositionen aus der deutschen Zeit und MUS 55B mit den Arbeiten, die in Palästina/Israel entstanden sind. 
 

 

Der Pijut "Ahavat Hadassa", aufgeführt durch die Sängerin Geula Gil

 

Der Pijut "Ahavat Hadassa", aufgeführt durch das Radiosymphonieorchester Israels, dirigiert vom Komponisten

 


Als Beispiel für die Werke von Paul Ben-Haim und für die Verknüpfung der Musikstile werden hier zwei Aufzeichnungen des Pijut "Ahavat Hadassa" (Hadassas Liebe) vorgestellt, die erste aufgeführt durch die Sängerin Geula Gil und die zweite durch das Radiosymphonieorchester Israels, dirigiert vom Komponisten selbst (aus der Sammlung der Aufzeichnungen von Kol Israel (Stimme Israels), ohne Datumsangabe), wie auch die Notenhandschrift aus der Feder des Komponisten.


Der Forscher Yehoash Hirshberg schrieb über das Leben und die Werke von Paul Ben-Haim in Hebräisch und in Englisch und dies war die erste Monografie, die über einen israelischen Komponisten in Israel verfasst wurde.