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Fritz Habers Entlassungsschreiben an Ladislaus Farkas

​Im Jahr 1911 wurde in Berlin die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gegründet. Das Ziel der Gesellschaft war die Förderung der Forschung auf verschiedenen Gebieten, vor allem aber in den Naturwissenschaften. Wie in der damaligen Zeit üblich, wurde die Gesellschaft nach dem deutschen Kaiser Wilhelm II. benannt, der der Initiative auch seine Schirmherrschaft verlieh. Obwohl er 1918 abdankte und Deutschland verließ, trugen die Gesellschaft und ihre Institute seinen Namen weiter bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Die beiden ersten Gründungen waren das Institut für Chemie und das Institut für physikalische Chemie und für Elektrochemie, beide in Berlin. Die verschiedenen Forschungsprojekte der Gesellschaft wurden häufig durch Privatspenden finanziert, darunter nicht wenige von Seiten vermögender deutscher Juden, während von staatlicher Seite die Gehälter der Wissenschaftler getragen wurden. Die Forscher waren von jeglicher Lehrtätigkeit freigestellt und konnten ihre gesamte Arbeitszeit der Forschung widmen. Im Laufe der Jahre wurden weitere Forschungsinstitute gegründet, so dass schließlich 28 existierten, davon die meisten in Berlin, doch auch in anderen deutschen Städten. Unter den herausragenden Wissenschaftlern der Institute waren auch bekannte jüdische Forscher. Zu den bekanntesten gehörten Albert Einstein, Karl Neuberg und Max Bergmann, doch auch Fritz Haber und Laudislaus Farkas. Ihr Schicksal steht hier für das von über 100 Wissenschaftlern, die ab 1933 gezwungen waren, die großen Forschungsinstitute zu verlassen, die meisten wegen ihrer jüdischen Abstammung, andere jedoch wegen ihrer politischen Haltungen.

 

Fritz Haber, Ladislaus Farkas


Der erste Direktor des Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie war der jüdischstämmige Chemiker Fritz Haber (1868-1934). Haber war zwar einer der fähigsten Wissenschaftler auf seinem Gebiet, doch hätte seine jüdische Herkunft ihn an einer akademischen Karriere gehindert. Daher konvertierte er 1892 zum Protestantismus. Eine seiner größten wissenschafltichen Leistungen war die Synthese von Ammoniak aus Wasserstoff und Stickstoff. Diese Entdeckung war einerseits bahnbrechend für die Massenherstellung von künstlichem Dünger für die Landwirtschaft, andererseits ermöglichte sie auch die verhältnismäßig einfache Produktion von Sprengstoff für militärische Zwecke. Für die Entdeckung der Ammoniaksynthese erhielt Haber im Jahr 1919 den Nobelpreis für Chemie. Dies geschah trotz seinen jüngeren Entwicklungen auf dem Gebiet chemischer Kampfstoffe, die während des Ersten Weltkrieges häufigen Einsatz fanden und zehntausenden britischen und französischen Soldaten das Leben kosteten. Habers Frau, Clara Immerwahr, konnte sich mit der Rolle ihres Mannes bei der Entwicklung dieser Kampstoffe in seinem Berliner Institut nicht abfinden und nahm sich 1915 das Leben.


Am Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie ermöglichte Haber vielen jungen und fähigen Wissenschaftlern die Arbeit an ihren Forschungsprojekten. Einer von ihnen war der Chemiker Ladislaus Farkas (1904-1948), der einer ungarisch-jüdischen Familie entstammte. Nachdem Farkas 1928 seine Promotion in Berlin abgeschlossen hatte, erhielt er sofort eine Stelle in Habers Institut. Der begabte Forscher genoss bald hohes Ansehen beim Institutsdirektor.


Infolge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933 wurden schon im Frühling desselben Jahres alle jüdische Beamte und Angestellte in öffentlichen Einrichtungen Deutschlands entlassen. Als Institutsdirektor sah sich Fritz Haber gezwungen, die jüdischen Wissenschaftler und Angestellten von ihren Positionen zu entfernen. Davon zeugt das Entlassungsschreiben an Lasislaus Farkas vom 29. April 1933. In dem sehr persönlich formulierten Schreiben gibt Haber seinem großen Bedauern Ausdruck, das er bei der zwangsläufigen Kündigung empfand, ihm aber nach der neuen gesetzlichen Lage keine Wahl geblieben sei. Einen Tag darauf traf Haber mit dem Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, dem Physiker Max Planck, zusammen und reichte seinen Rücktritt von der Institutsleitung ein. Planck drängte ihn, in der Position zu verbleiben, doch Haber lehnte mit der Begründung ab, dass er unter den neuen Voraussetzungen keine wissenschaftliche Arbeit fortführen könne, wenn diese unter rassischen Gesichtspunkten erfolgen solle. Haber verließ bald darauf Deutschland und erhielt noch 1933 eine Professur an der Universität Cambridge in England. Die drastischen Veränderungen in seinem Leben wirkten sich jedoch negativ auf seine Gesundheit aus, so dass der berühmte Chemiker bereits im Januar 1934 in einem Schweizer Sanatorium verstarb.


 

Habers Entlassungsschreiben an Farkas


Auch Ladislaus Farkas emigrierte zunächst nach England, doch erhielt er 1936 eine Professur für physikalische Chemie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Unter seiner Ägide entwickelte sich diese Wissenschaftsrichtung auch in Palästina und Farkas wird als ihr Vater in Israel angesehen. Am 30. Dezember 1948 stürzte das Flugzeug, in dem Farkas für eine Dienstreise in die USA unterwegs war, über Italien ab, wobei der noch junge Wissenschaftler den Tod fand. Sein Nachlass befindet sich heute in den Archivbeständen der Israelischen Nationalbibliothek.