Lagergeld aus dem Getto Theresienstadt

Als die Nationalsozialisten im Januar 1933 an die Macht kamen, begannen sie bald mit Verfolgung von Regimegegnern und Juden. Nur einige Wochen nach dem politischen Umschwung wurden zahlreiche Personen verhaftet: Sozialdemokraten, Kommunisten, andere Oppositionelle – und Juden. Die Verhafteten wurden in Gefängnissen und Konzentrationslagern festgehalten, die schon in dieser frühen Phase errichtet worden waren. Unter den ersten Lagern waren Dachau, Ravensbrück, Buchenwald und Oranienburg-Sachsenhausen. In diesem letztgenannten Lager, das nahe Berlin errichtet wurde, gaben die Nationalsozialisten erstmals Geldscheine zur Nutzung innerhalb des Lagers heraus, die jedoch außerhalb des Lagerzauns völlig wertlos waren. Dieser Schritt wurde in einer Reihe von weiteren KZs und Gettos kopiert, zuerst in Deutschland und später auch in den okkupierten Ländern Europas.
​​Für die Ausgabe besonderer Geldscheine – häufig von geringen nominellen Wert – gab es eine Reihe von Gründen. Zunächst war jeder Inhaftierte in einem Lager – später auch in Gettos – gezwungen, all sein Bargeld und Teile seines Vermögens in das jeweils gültige Lagergeld umzutauschen. So konnten die Nazis sehr schnell Zugriff auf das Vermögen der Inhaftierten bekommen und es für ihre finsteren Ziele verwenden. Zudem konnten die Häftlinge mit dem erhaltenen Geld außerhalb der Lagergrenzen nichts erwerben. Dies war den NS-Machthabern im Fluchtfall sehr wichtig: Sobald Häftlinge aus einem Lager fliehen konnten, hatten sie keine Mittel zur Verfügung, um Nahrungsmittel oder Kleidung zu kaufen, was solche Vorhaben sehr erschwerte. Noch dazu vermittelte der erzwungene Umtausch der eigenen Mittel in Lagergeld bei der Einlieferung in ein Lager oder ein Getto ein Gefühl der Einsamkeit und Absonderung von der Gesellschaft. Bekanntermaßen wussten die Nationalsozialisten sehr gut, wie solche psychologischen Unterdrückungsmittel zur Erniedrigung ihrer Opfer einzusetzen waren. Ferner waren die Geldscheine für die Lager nicht einheitlich. In jedem Lager gab es ein eigenes System, doch sind auch solche bekannt, in denen Alternativwährungen niemals ausgegeben wurden.​ ​Vorderseiten von Geldscheinen ("Quittungen") aus dem Getto Theresienstadt
Vorderseiten von Geldscheinen ("Quittungen") aus dem Getto Theresienstadt, eine bis zehn Kronen, Die beiden oberen Scheine zeigen Nutzungsspuren.


In einigen Lagern wurde in die Gestaltung der Geldscheine eine gewisse Mühe investiert und sie wurden sogar beidseitig bedruckt. So geschah es in Oranienburg-Sachsenhausen, in Westerbork (Niederlande), doch auch im polnischen Getto Lodz (Litzmannstadt – dort wurden sogar Münzen geprägt) und im tschechischen Theresienstadt (Teresin). In Gettos waren natürlich nur Juden inhaftiert und in zynischer Weise fand dieser Umstand seinen Ausdruck in der Gestaltung der Geldscheine. Auf denen aus Lodz wurde eine Davidstern platziert. Dieser ist auch auf den Scheinen aus Theresienstadt zu sehen, doch wurde bei diesen sogar noch eine Bildnis von Moses hinzugefügt, der in seinen Händen die Gesetzestafeln hält. Offenbar wegen der geografischen Lage von Theresienstadt in der Tschechoslowakei wurde hier als Währungsangabe statt der deutschen Mark die Krone benutzt, die tschechische Währung. Die NS-Lagerleitung ließ Geldscheine drucken – offiziell wurden sie nicht als solche bezeichnet, sondern als Quittungen, die in den folgenden Werten existierten: eine Krone, zwei Kronen, fünf, zehn, zwanzig, fünfzig und einhundert Kronen. Es ist bekannt, dass diese Scheine teilweise in großen Mengen gedruckt wurden, manchmal sogar mehrere Millionen, doch gibt es bis heute zahlreiche "Quittungen", die keinerlei Anzeichen von Benutzung zeigen, hauptsächlich solche von hohem nominalen Wert. Offenbar gelangten größere Mengen dieser Scheine nie in Umlauf. Ohnehin gab es für diese Zahlungsmittel mit höherem Wert keine wirkliche Verwendung, da im Getto kaum Waren von größerem Wert erhältlich waren.


Rückseiten der Geldscheine mit hohem Nominalwert 

Rückseiten der Geldscheine mit hohem Nominalwert, ohne Umlaufspuren: 20, 50 und 100 Kronen. Zu sehen sind hier die Darstellungen von Moses mit den Gesetzestafeln.

 

Im Getto Theresienstadt gab es sogar eine Bank, die für den Umlauf der Geldscheine verantwortlich war, auf denen jedoch die Unterschrift des Vorsitzenden des "Judenrats" zu finden war. Offenbar wurde das System der Bank, der Geldscheine und der "Löhne", die viele Häftlinge im Lauf ihres Aufenthalts im Getto erhielten, noch mit einer weiteren Absicht eingerichtet: Es verlieh den Anschein einer "Normalität", eines geordneten Alltags, wie ihn die NS-Machthaber den offiziellen Besuchern des Internationalen Roten Kreuzes im Getto vorspielen wollten. In den Archivbeständen der Nationalbibliothek finden sich einige Geldscheine aus dem Theresienstädter Getto, die die Zeit des Holocaust überdauert haben. Darunter sind Beispiele von allen Nominalwerten, einige mit Nutzungsspuren, doch sind die meisten von ihnen völlig frisch. Diese Geldscheine stellen ein Zeugnis besonderer Art für die schreckliche Realität in den Tagen des Holocaust dar: als fiktive Symbole einer "Normalität" die nie wirklich existierte, unter dem Schatten der Verfolgung und Vernichtung.