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Johann Wolfgang von Goethes "Faust" in Hebräisch

Einband der hebräischen Ausgabe des "Faust" von 1943

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) gilt bis heute als einer der herausragendsten Dichter in der deutschen Literaturgeschichte. Für gewöhnlich wird er als "Nationaldichter" der Deutschen bezeichnet und über viele Generationen hinweg schlossen alle Schüler in deutschen Schulen im Laufe der Schulzeit Bekanntschaft mit seinen Werken. In vielen Wohnungen konnte man einfache oder teure Ausgaben von Goethes Werken finden und bis vor kurzem kannten sehr viele Menschen Gedichte oder Balladen des großen Dichters auswendig. Mit Goethes Namen ist untrennbar der Name der kleinen Stadt Weimar verbunden, wo er die meiste Zeit seines Lebens verbrachte. Der andauernde Aufenthalt des Dichters – der auch Jurist, Minister und Theaterdirektor war – sowie die Freundschaft mit einer weiteren zentralen Figur der deutschen Literatur dort – Friedrich von Schiller – verhalfen der Stadt Weimar zum Titel "Hauptstadt der deutschen Klassik".​
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Goethes bekanntestes Werk ist das Schauspiel "Faust". Zwar war Goethe schon zu Lebzeiten ein gefeierter Dichter – damals vor allem wegen seines Romans "Werther" – doch sein bis heute andauernder Ruhm ist ganz wesentlich mit dem Monumentalwerk "Faust" verbunden. Der Dichter arbeitete an dem Werk mehr als 60 Jahre, veröffentlichte es in mehreren Versionen und teilte es schließlich in zwei Abschnitte, wobei der erste Teil als der "zugänglichere" gilt. Tatsächlich wurde der erste Teil von "Faust" hunderte, wenn nicht tausende Male auf die Bühne gebracht, während der zweite Teil deutlich weniger inszeniert wurde, sicher wegen des seines komplexen Inhalts. Bis heute wird das Stück (immer noch vor allem der erste Teil) häufig aufgeführt, wie auch die berühmte Handlung mehrfach filmisch verarbeitet wurde.


 

Titelblatt einer "Faust"-Ausgabe mit beiden Teilen der Tragödie, Paris 1840


Die zentrale Figur des Stückes ist ein Gelehrter in der zweiten Hälfte seines Lebens: Heinrich Faust. Faust Figur basiert auf einer historisch belegten Persönlichkeit namens Johann Georg Faust, ein Alchemist, Astrologe und Wahrsager aus dem 16. Jahrhundert, dem finstere Kräfte und Verbindungen zum Teufel nachgesagt wurden. Anscheinend war es diese sagenhafte Verbindung, die Goethe zum zentralen Element in Fausts Geschichte führte, den Bund zwischen dem Gelehrten und dem Teufel selbst. Der Ausgangspunkt für diesen Bund ist die Misere des Gelehrten, der sein fortgeschrittenes Alter spürt. Dabei hat diese Misere zwei wesentliche Seiten: einerseits das Unvermögen, weitere wichtige Aspekte  und neue Zusammenhänge in Philosophie und Natur zu erkennen. Dieses Bedürfnis symbolisiert das ständige Streben nach weiterem Wissen, das an seine Grenzen stößt. Auf der anderen Seite steht die Unfähigkeit des Gelehrten, dass Leben in all seinen Facetten zu genießen. In dieser  Situation trifft Faust den Teufel, der stets auf der Jagd nach menschlichen Seelen ist. Faust geht auf das Angebot des Teufels zu einem Bund ein: gegen weitere Erkenntnis der Welt, Erwerb von Wissen und tiefem Verständnis sowie Vergnügen als junger und stattlicher Mann verspricht Faust dem Teufel seine Seele für den Fall, dass er mit den Erlebnissen zufrieden sein und volle Befriedigung erfahren würde. Im ersten Teil des Werkes durchlebt Faust das Gefühlsleben in der Verbindung zu einer jungen und schönen Frau, Margarethe. Für sie endet diese Verbindung in einer Katastrophe, da sie aus Verzweiflung das Neugeborene tötet, das ihr von Faust geboren wurde, und sie schließlich im Gefängnis den Verstand verliert. Hier wird deutlich, warum Goethe das Stück als Tragödie definierte: Der Held der Geschichte erlangt keine wirkliche Lösung für seine Probleme und verursacht anderen Menschen in seiner Umgebung schweren Schaden. Im zweiten Teil tritt Faust als handelnde Figur in Geschichte und Gesellschaft auf, doch bleibt auch auf diesen Ebenen ohne Erfolge. Am Ende des zweiten Teils prophezeit Faust eine menschliche Gesellschaft, die sich für die Gemeinschaft einsetzt und in der die Mitmenschen füreinander handeln, doch da dies nicht Realität wird sondern Faust diese Gesellschaft noch immer nur anstrebt, unterliegt er dem Teufel nicht und dieser gewinnt nicht die Seele des verstorbenen Gelehrten.


Dieser humanistisch-philosophische Inhalt beeindruckte viele Generationen und beeinflusste zahlreiche Leser, da sie sich mit den Dilemmata Fausts sowohl in emotionaler wie in rationaler Hinsicht identifizieren konnten. Die Kritik an den politischen, gesellschaftlichen und religiösen Zuständen zu Goethes Zeit verschafften dem Werk noch zusätzliche Popularität, auch weil die kritisierten Erscheinungen nie völlig verschwanden. Deutschsprachige Juden waren von "Faust" ebenso begeistert wie das übrige Publikum. Die deutsch-jüdischen Einwanderer der "Fünften Alijah" trugen oft auf ihrem Weg nach Palästina  im Gepäck die Bände mit Goethes Werken bei sich und versuchten so, etwas von der verloren gegangenen Heimat zu bewahren, wenigstens in kulturell-sprachlicher Hinsicht. Ein gedruckte Ausgabe der Tragödie "Faust" (oder der gesamten Werke Goethes) stand in zahlreichen jüdischen Bücherschränken. Schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden einige Werke Goethes ins Hebräische übersetzt, doch im 20. Jahrhundert verstärkte sich die Aufmerksamkeit noch einmal. Daher verwundert es nicht, dass auch in Palästina eine Übersetzung des "Faust" in Hebräisch durch den Dichter Jacob Cahan (1881-1960) vorgenommen wurde, der den ersten Teil der Tragödie übersetzte. Das Jahr der Veröffentlichung könnte jedoch Verwunderung hervorrufen: 1943, mitten während des Zweiten Weltkriegs und der Schoah.


Im Vorwort äußerte sich Jacob Cahan über sein Zögern, die Übersetzung vorzunehmen, wie auch über die Probleme bei der Übertragung nicht nur der Sprache, sondern auch der Intentionen des großen Dichters. Allerdings nahm Cahan nicht Bezug auf die gewisse Problematik der Veröffentlichung eines klassischen Werkes aus dem deutschen Literaturkanon gerade zu Beginn der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Zwar verwies er am Ende des Vorworts auf den Umstand, dass die Übersetzung bereits zehn Jahre zuvor abgeschlossen gewesen war (also Anfang-Mitte der 30er Jahre), doch wirft das Publikationsjahr 1943 bei uns heute dennoch einige Verwunderung hervor. Jacob Cahan ließ die Übersetzung beim Schocken-Verlag drucken, einem Unternehmen, dass durch seine deutschen Wurzeln ohne Zweifel von der Bedeutung der Angelegenheit überzeugt war. Als Ergebnis erschien eine schön gestaltete Ausgabe, in die Lithografien des französischen Künstlers Eugéne Delacroix aus dem Jahr 1827 aufgenommen wurden, der speziell dieses Werk Goethes sehr geschätzt hatte. Mit Hilfe dieses schönen Buches, sowohl in Hinsicht auf den Inhalt wie auch auf seine äußere Gestaltung, waren es gerade jüdische Vertreter der Geisteselite, die in den dunkelsten Tagen die humanistischen Werte bewahrten, die Deutschland zu anderen Zeiten ausgezeichnet hatten.