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Die deutsche Exilliteratur und der niederländische Verlag Allert de Lange

Katalog der deutschen Abteilung im Verlag Allert de Lange, 1939

Katalog der deutschen Abteilung im Verlag Allert de Lange, 1939

Mit dem Machtantritt der Nazis im Januar 1933 begann sofort die Umsetzung ihrer Konzeption einer "reinen" deutschen Kultur. In deren Kulturvorstellung gab es keinen Platz für die Werke humanistischer, demokratischer, kommunitischer Autoren und generell keinen für Juden. Die Veröffentlichung ihrer Werke wurde untersagt und bei vielen Ereignissen ab dem Frühling 1933 versammelten sich die Anhänger des neuen Regimes und verbrannten alle Werke, die nicht nach ihrem Sinn waren – häufig das Beste der deutschsprachigen Literatur aus mehreren Generationen.

 

Die Autoren litten unter der neuen Situation in doppelter Weise: nicht nur ihre Freiheit und ihr Leben wurden durch die NS-Diktatur bedroht, auch das Verbot ihrer Werke schnitt sie nahezu von allen Verdienstmöglichkeiten unter der neuen politischen Situation ab. Die deutschen Buchhändler waren gezwungen, die jetzt verbotene Literatur zu vernichten und die Verleger, die bislang mit großem Erfolg die Werke von Thomas Mann, Bertold Brecht, Stefan Zweig, Else Lasker-Schüler, Joseph Roth und andere verlegt hatten, mussten nun ihre Profile am Diktat der neuen Ära orientieren. Jegliche freie und progressive Literatur wurde im deutschen Buchhandel plötzlich zur Mangelware. Ihr Verkauf, Erwerb und die Lektüre verwandelten sich beinahe über Nacht zu einem Risiko.


Werke aus dem Katalog, u.a. von Bertold Brecht, Max Brod und Siegmund Freud 

Werke aus dem Katalog, u.a. von Bertold Brecht, Max Brod und Siegmund Freud


Viele Schriftsteller suchten nach einem politsischen Asyl und einem Ort, an dem sie wieder tätig sein konnten. Viele von ihnen versuchten, in die Nachbarländer Deutschlands zu fliehen, andere kamen nach Amerika oder Palästina oder in andere Länder, wenn ihnen dies die dortigen Behörden gestatteten. Zwischen 1933 und 1940 war die größte und vielleicht auch interessanteste Gemeinschaft der Exilliteraten im malerischen südfranzösischen Städtchen Sanary-sur-Mer anzutreffen. Hatten die Autoren einmal einen Platz zum Bleiben gefunden, kümmerten sie sich sofort um Publikationsmöglichkeiten für ihre Bücher. Dies gestaltete sich oft schwierig: das größte deutschsprachige Land stellte keine Option mehr dar, so dass auf den ersten Blick nur Möglichkeiten in Österreich und der Schweiz verblieben. Dort wirkten die Verleger Emil Oprecht in Zürich, Herbert Reichner und Bermann-Fischer in Wien. Schon ab 1933 jedoch entstanden zwei neue Verlage in den Niederlanden: Querido und die deutschsprachige Abteilung des altangesessenen Verlags Allert de Lange, beide in Amsterdam.


Einband des Buches " Die Legende vom heiligen Trinker" von Joseph Roth, 1939Einband des Buches " Die Legende vom heiligen TrinkeDie beiden niederländischen Verlage wirkten bis zur Okkupation durch die Nazis 1940 in verhältnismäßig großem Maßstab und veröffentlichten die Werke deutschsprachiger Schriftsteller, die sich mit den neuen Gegebenheiten nicht arrangieren wollten oder die wegen ihrer jüdischen Herkunft in ihrem Heimatland nicht mehr publizieren durften. Der Querido-Verlag war klar linksorientiert, während Allert de Lange anfangs ein "bürgerliches" Profil zu halten versuchte, doch im Laufe der Existenzjahre der deutschen Verlagsabteilung wurde der Autorenkreis bedeutend erweitert. Der Abteilung standen zwei Lektoren vor, beide deutsch-jüdischer Herkunft, Walter Landauaer (1902-1944) und Hermann Kesten (1900-1996). Bis 1933 waren beide bereits Lektoratskollegen des deutschen Gustav-Kiepenheuer-Verlags gewesen. Auch aufgrund ihrer reichen Berufserfahrung konnten beide die deutsche Verlagsabteilung zu recht großen Erfolgen führen. Nur bei diesem Verlag wurden 91 Buchtitel von 49 Autoren publiziert. Die Liste der Autoren ist beeindruckend: Bertold Brecht, Max Brod, Joseph Roth, Schalom Asch, Stefan Zweig und Siegmund Freud waren die populärsten unter ihnen und versprachen guten Absatz unter der Leserschaft, die natürlich fast ausschließlich außerhalb Deutschlands zu finden war. Der wachsende Strom der jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland in die Niederlande verschaffte den Exilverlagen eine regional ansässige Leserschaft für die von ihnen publizierten Bücher. Der Verlagskatalog von Allert de Lange aus dem Jahr 1939 ist beeindruckend und zeugt davon, dass die besten Werke der deutschen Literatur einen würdigen Platz gefunden hatten – ausgerechnet in den Niederlanden.


Die Ausgaben der bei der deutschen Verlagsabteilung verlegten Bücher zeichneten sich durch eine ansprechende äußere Gestaltung aus. So z.B. die Ausgabe des letzten von Joseph Roth verfassten Buchs "Die Legende vom heiligen Trinker", die schlicht und elegant gehalten ist. Paradoxerweise erwarben auch die NS-Ideologen Bücher des niederländischen Exilverlags, wie an dem Exemplar in der Israelischen Nationalbibliothek ersichtlich ist: Es trägt den Stempel und die Bibliothekssignatur Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschland in Berlin.


Titelblatt des Buches von Roth mit dem Besitzstempel des Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschland 

Titelblatt des Buches von Roth mit dem Besitzstempel des Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschland

 

Nach der Okkupation der Niederlande im Mai 1940 wurde die deutsche Verlagsabteilung zwangsweise geschlossen, wie auch der Verlag Querido. Die Buchlager wurden teilweise vernichtet und die Angestellten mussten fliehen bzw. wurden verhaftet. Einer der Redakteure, Walter Landauer, wurde im Holocaust ermordet.


Die deutsche Exilliteratur gilt seit vielen Jahren als eines der interessantesten Kapitel der Literatur des 20. Jahrhunderts, mit der sich zahlreiche Forscher beschäftigen. Die Werke, die in jenen Jahren und unter sehr besonderen Umständen entstanden, zeugen vom freiheitlich-demokratischen Geist, der von den Nationalsozialisten aus Deutschland zwischen 1933 und 1945 verdrängt wurde, der aber dennoch außerhalb der Landesgrenzen fortbestand.