Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa

Nach fünf Jahren und acht Monaten endete in Europa am 8. Mai 1945 der Zweite Weltkrieg mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Dieser Krieg war der zerstörerischste und grausamste in der Geschichte der Menschheit: mehr als 60 Staaten waren in ihn verwickelt, etwa 110 Millionen Menschen standen unter Waffen und schätzungsweise 60 Millionen Menschen wurden zu Opfern des Krieges, darunter die sechs Millionen im Holocaust ermodeten Juden. Große Gebiete, ganze Städte und Dörfer in großen Teilen Europas wurden verwüstet und Millionen Menschen verloren ihr Zuhause. Kriegserzählungen und die Kriegsgeschichte wurden zum Stoff für zahllose literarische Werke und Verfilmungen, Forschungsarbeiten und philosophische Betrachtungen – bis in unsere Tage. Verständlicherweise bleibt ein Ereignis dieser Ausmaße in den Erinnerungen vieler Menschen. Es beschäftigte und beschäftigt selbst die Generationen, die Jahre nach Kriegsende geboren wurden. In den Staaten Europas hat der 8. Mai 1945 eine besondere Bedeutung, da an diesem Datum die Kapitulation Deutschlands vor den Aliierten in Kraft trat. Einen Tag zuvor hatte einer der Oberkommandierenden der Wehrmacht, General Alfred Jodel, die Kapitulation unterzeichnet. Die Zeremonie mit den Westalliierten fand am 7. Mai in der französischen Stadt Reims statt, während eine ähnliche Zeremonie vor den Kommandierenden der sowjetischen Roten Armee am 9. Mai in Berlin stattfand.​

Palästina und seine Bewohner wurden vom Krieg fast unberührt gelassen, abgesehen von den italienischen Luftangriffen auf Tel Aviv im September 1940. Die größere Gefahr drohte von Süden, wo das große Afrikakorps  unter General Erwin Rommel operierte, doch seine Niederlage gegen die Briten im November 1942 beendete die drohende Okkupation Palästinas durch die Nazis. Trotz dieser Lage waren viele Bewohner des Landes in verschiedenster Weise vom Krieg betroffen: als Flüchtlinge aus Europa, als Soldaten in der Jewish Brigade (als Teil der britischen Armee) oder als Angehörige von europäischen Juden, die von den grausamen Taten der Deutschen im Rahmen der "Lösung der Judenfrage" und der systematischen Vernichtung betroffen waren. Unter den Archivmaterialien der Nationalbibliothek finden sich nicht wenige Materialien über das Kriegsende und die Kapitulation Deutschlands. Ein faszinierendes Beispiel dafür sind die Tagebücher von Schmuel Hugo Bergmann.


Der aus Prag gebürtige Philosoph Schmuel Hugo Bergmann (1883-1975) emigrierte bereits 1920 nach Palästina. Über 15 Jahre leitete er die Universitäts- und Nationalbibliothek, die heute die Israelische Nationalbibliothek ist. Seit 1935 war er Professor für Philosophie an der Hebräischen Universität in Jerusalem. Wie viele andere seiner Generation führte auch Bergmann Tagebücher und dokumentierte in ihnenpersönliche Angelegenheiten, doch bezog er sich auch auf politische Entwicklungen und allgemeine Ereignisse. Seine Tagebücher schrieb er in Deutsch, doch in Stenografie, d.h. in Kurzschrift, die bei vielen deutschsprachigen Personen jener Zeit, doch auch in anderen Sprachen gebräuchlich war. Die Benutzung der Stenografie ermöglicht ein sehr schnelles Schreiben, doch mittlerweile ist sie beinahe zu einer Geheimschrift geworden, da sie kaum noch aktiv und passiv beherrscht wird. Glücklicherweise entzifferte die Witwe Bergmanns, Escha – zusammen mit anderen Personen – die Tagebücher und transkribierte den Text in normale Schrift. Eine Auswahl aus den Aufzeichnungen erschien 1985 in Deutschland. Die originalen Tagebücher finden sich – zusammen mit dem Gesamtnachlass Bergmanns – in der Archivabteilung der Israelischen Nationalbibliothek.

 


Buchedition der Tagebücher Bergmanns


Als Denker und aufmerksamer Beobachter des Weltgeschehens nahm Bergmann auch zu den letzten Momenten des Zweiten Weltkriegs Anfang Mai 1945 Stellung. Trotz der Wichtigkeit dieser Ereignisse nahmen die täglichen Angelegenheiten Bergmanns in der Universität und in verschiedenen Institutionen, an denen er beteiligt war, in seinen Tagebüchern stets mehr Raum ein als die Nachrichten über den Zusammenbruch des NS-Regimes. Im Folgenden einige Eintragungen, die Bergmann in jenen Tagen machte:


2.5.: Früh die Nachricht vom Tode Hitlers, die ohne jeden Eindruck vorübergegangen ist, zum Teil vielleicht, weil man sie nicht glaubt, zum Teil, weil man darauf vorbereitet war und zum Teil, weil nach allem, was geschehen ist und was als Gift in den Seelen da ist und weiter wirkt, der Tod des Haupturhebers keine Rolle spielt. Es ist keine Freude in der Luft bei diesem Siege, so wenig wie Begeisterung beim Kriegsanfang war. [...]


5.5.: Von Uri [einer der Söhne Bergmanns] zwei Briefe, wo er über sein Zusammentreffen mit deutschen Gefangenen berichtet. Es sind Menschen wie alle Menschen. Soll er einem ein Messer leihen, damit er eine Sardinenbüchse öfnnen könne? Zigaretten geben? Er schreibt von den jüdischen Soldaten, die lieber bis zum Ende kämpfen, um keine Gefangenen machen zu müssen und fragt nach meiner Ansicht. Ich habe ihm gestern geschrieben. – Was für Tage das jetzt sind! Gestern im Radio ein Bericht über die Unterwerfung der Deutschen in Holland, Dänemark und Nordwestdeutschland gehört.Und dann das Gebet mit Psalm 126 als Text "Wir waren wie Träumende". [...]


6.5.: [...] Da mir [Isaak Ernst] Nebenzahl sagte, er habe eben im Radion gehört, dass V-day in den nächsten 1-2 Tagen ausgerufen wird, so benützte ich die Gelegenheit, ihm ein paar Worte zu sagen gegen den unter uns herrschenden Pessimismus, der keine Freude aufkommen lassen will, im Sinne der Worte von Fichmann im Dawar und unter Erwähnung des Gebets von  [Psalm] 126. [...]


7. Mai: So lobet alle Gott!!!


8.-9.5.: Die beiden Tage der Friedensfeier. Am 7.5. nachmittags Vortrag von Sir Ronald Davidson über die Nachkriegsprobleme in England. Auf dem Wege dahin erfuhr ich, daß Deutschland kapituliert hat. Dann am Abend bei [David Werner] Senator, in der 1/2 10 Abendsendung, daß die Kapitulationsverhandlungen abgeschlossen wurden, und der 8. und 9. Als Friedenstag ausgerufen wurde. [...] Ich ging dann noch spät abends mit Escha zum Zionsplatz, wo wir nur die betrunkenen Soldaten sahen. [...]

 


 

Die Seite vom 5.-9.5.1945 aus Bergmanns handschriftlichem Tagebuch (in Stenografie)


Die Auszüge (mit Ausnahme des 6.5.) wurden entnommen aus: Schmuel Hugo Bergmann, Tagebücher & Briefe, Band 1: 1901-1948, Königstein i.Ts. 1985, S. 652.

Mit freundlicher Genehmigung des Jüdischen Verlages (bei Suhrkamp).