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Die Einwanderung der mitteleuropäischen Juden ("Jeckes") und das "Mitteilungsblatt der Hitachduth Olei Germania"

​Bis zum Machtantritt der Nazis lebten in Deutschland ca. eine halbe Million Juden, davon allein in Berlin mehr als 150.000. Die meisten von ihnen hatten ihren Platz in der Gesellschaft gefunden und nahmen an der Wirtschaft, der Politik der Wissenschaft und natürlich auch an der deutschen Kultur teil, sowohl als aktive Handelnde (Schriftsteller, Journalisten, Musiker, Künstler und andere), wie auch als Konsumenten der vielschichtigen Kultur. Der zionistischen Bewegung fiel es nicht leicht, in der deutsch-jüdischen Gesellschaft Fuß zu fassen, die zu großen Teilen gut situiert war. Zionistische Vereinigungen erreichten in Deutschland kaum jemals den Status von Massenvereinigungen.

Das Bild änderte sich komplett mit dem Machtantritt der Nazis 1933. Der offene Antisemitismus und die ungezügelte Aggressivität der Nazis (und wachsender Teile der deutschen Gesellschaft) verdeutlichten den deutschen Juden, dass ihre Integration in die Gesellschaft nichts weiter als eine Episode war, die mit den politischen Veränderungen ihr Ende fand. Mit Schrecken verinnerlichten viele innerhalb der deutschen Grenzen wohnende Juden, dass ihr Leben und ihr Besitz akut gefährdet waren und sie sich um Alternativen bemühen mussten. Die Hälfte der jüdischen Bevölkerung aus Deutschland emigrierte in andere Länder, die meisten in die USA, doch viele kamen im Rahmen der "Fünften Alijah" (Einwanderungswelle) auch nach Palästina. Nach anerkannten Schätzungen geht man von ca. 60.000 Einwanderern aus Deutschland und weiteren 30.000 aus dem deutschen Sprachraum aus, vor allem aus Österreich und der Tschechoslowakei. Doch auch in Palästina war die Situation nicht leicht: das ungewohnte Klima, die den meisten unbekannte Sprache, die Ablehnung, die große Teile der ansässigen Bevölkerung der deutschen Sprache und Kultur aufgrund der Taten der Nazis entgegen brachten, wie auch die meist unpassenden Berufe (mit großem Anteil an Wissenschaft, Geistesleben und Kultur) waren ernsthafte Probleme für die "Jeckes", wie sie damals und heute genannt wurden und werden. Sie zeichneten sich aus durch ihre speziellen Gewohnheiten, ihre Pünktlichkeit und ihren unterschiedlichne Humor und wurden dadurch Ziel des Spottes. Die Tragik lag darin, dass sie in Deutschland als Juden gegolten hatten, doch in Palästina als "Deutsche" angesehen wurden.

 

Die Einwanderung der mitteleuropäischen Juden

 

Die Teilnahme der deutsch-jüdischen Einwanderer an der palästinischen Gesellschaft war weit gefächert: ihr großer Anteil an wissenschaftlichen, künstlerischen und kulturfokussierten Berufen überrascht kaum, doch gab es unter ihnen auch Industrielle und Unternehmer (etwa die Gründer der Firmen "Assis", "Strauss" und andere), Verleger (wie etwa die Familie Schocken) und Architekten (so z.B. Richard Kaufmann und weitere Architekten vom berühmten Bauhaus). Doch in vielen Fällen waren die "Jeckes" gezwungen, wie alle anderen Einwanderer auch ihren Platz in der neuen Gesellschafts Palästinas zu finden, in Berufen, die sie nicht gelernt hatten, in engen Wohnverhältnissen und mit all den kleinen und großen Alltagsproblemen, die auf die Einwanderer warteten.

 

In Palästina lebten die "Jeckes" in mehreren Städten und Siedlungen: verstreut über Tel Aviv, in Jerusalem (viele von ihnen im Viertel Rechavia), doch auch in der Stadt Nahariya, in Kfar Shmaryahu neben Herzliya und in weiteren Orten. Das Jerusalemer Viertel Rechavia wurde ab den 1920er Jahren vom Architekten Richard Kaufmann geplant. Dort lebten angesehene Akademiker, unter ihnen viele Dozenten der Hebräischen Universität: Gerschom Schalom, Hugo Bergmann, Ernst Simon, doch auch der berühmte Architekt Erich Mendelsohn (er lebte dort nur für einige Zeit in den 1930er Jahren), und auch Salman Schocken, Besitzer einer erfolgreichen Kaufhauskette in Deutschland und eines gleichnamigen Verlags, der bis heute existiert.


 

Mitteilungsblatt der Hitachduth Olei Germania
 

 

Mit der Einwanderung der "Jeckes" wurden deutschsprachige Zeitungen und Zeitschriften gegründet. So zum Beispiel die Zeitung "Yedioth Chadashoth" (später unter dem Namen "Israel-Nachrichten") und die Zeitschrift "Mitteilungsblatt der Hitachduth Olei Germania" unter dem Kürzel "MB". Diese Zeitschrift wurde 1933 gegründet und existiert bis heute, noch immer mit dem Kürzel "MB" doch unter dem Titel "Yakinton". Schon mit der ersten Ausgabe wurden Texte in Deutsch und in Hebräisch veröffentlicht, anfangs noch mit deutlichem Gewicht auf deutschen Texten, doch mittlerweile im umgekehrten Verhältnis. Über viele Jahre ließen Unternehmen und Firmen im "MB" Anzeigen drucken, vor allem solche, die in deutsch-jüdischem Besitz oder für diese Einwanderergruppe von besonderem Interesse waren. Besonders interessant ist, dass in den ersten Jahren auch die Bank der Templer in Palästina es für wichtig erachtete, in der Zeitschrift Inserate bringen zu lassen, obwohl die allgemeine Orientierung vieler Templer – einer Gruppe protestantisch-deutscher Siedler ohne jegliche Bindungen zum Judentum – allmählich profaschistisch war. Auch andere Firmen, von denen es einige bis heute gibt, warben schon damals, natürlich in Deutsch, für sich und ihre Produkte, wie etwa die Firma "Assis".