Die Ausstellung "Entartete Kunst", 1937

Deckblatt der Begleitbroschüre "Entartete Kunst"

Dass die Kunstauffassung der Nationalsozialisten schon am Vorabend der Machtübernahme den Ansichten und Tendenzen der der damals führenden Künstlerelite diametral engegengesetzt war, ist hinreichend bekannt. Mit der Regierungsübernahme von 1933 ergab sich für die NS-Führer die Gelegenheit, die von ihnen favorisierte "deutsche Kunst" zur allein gültigen Richtung zu stilisieren. Die Nationalsozialisten befehdeten avantgardistische Künstler und insbesondere solche, die nicht aus Deutschland stammten und außerhalb der Landesgrenzen wirkten. Die neuen Machthaber unterstützten in Deutschland geborene Künstler, die ihren Stil den offiziellen Vorgaben anpassten, der wiederum von den höchsten NS-Führern festgelegt wurden, an erster Stelle von Adolf Hitler und den Propagandaminister Joseph Goebbels. Diese bevorzugten in der bildenden Kunst den bodenständigen Realismus, der durchaus auch zum Monumentalen neigen durfte. In der Architektur fand dieser Stil seinen Ausdruck in einer kalten und grauen Architektur, die auch riesige Aufmarschplätze für die anonyme Masse schuf. Beispiele für diese Architektur finden sich noch immer in einigen deutschen Städten, wie Berlin, Nürnberg, Weimar, München und andere.
 

 


Alle Werke der bildenden Kunst jedoch, die nicht den Definitionen der Nazionalsozialisten entsprachen, wurden als "Entartete Kunst" eingestuft, also als etwas, das nach der Meinung der deutschen Herrscher von 1933 bis 1945 keine wirkliche Kunst, sondern "Geschmiere" war, das das deutsche Volk verhönen sollte. Im Fokus der Anfeindungen standen vor allem moderne Künstler und ganze Richtungen in der modernen Kunst, wie der Expressionismus, DADA, Künstlervereinigungen, so z.B. "Die Brücke" und "Der Blaue Reiter" und weitere. Viele Künstler, die in diesen Richtungen wirkten und so ihre Arbeiten gestalteten, wurden gebannt und ihnen die weitere Tätigkeit untersagt. NS-Beamte "reinigten" die Museen, entließen viele Museumsdirektoren – unter ihnen natürlich alle Juden – und solche, die nicht mit der neuen Richtung überein stimmten. Die Nazis plünderten die Museumsmagazine und entfernten tausende Werke der klassischen Moderne. Ein kleiner Teil davon wurde für die Ausstellung "Entartete Kunst" zurück gehalten, die am 19. Juli 1937 in München eröffnet wurde. Die meisten Kunstwerke jedoch wurden an Käufer im Ausland veräußert bzw. verschwanden spurlos. Mit diesem Vorgehen schufen die Nazis eine emfpindliche Leerstelle in der Dokumentierung moderner Kunst in deutschen Museen, die mancherorts bis heute nicht aufgefüllt werden konnte. Unter den Künstlern, deren Werke beschlagnahmt und die mit Arbeitsverbot belegt wurden finden sich große Namen, die vor 1933 in vielen deutschen Museen geschätzt wurden, und heute weltweite Anerkennung genießen: Max Beckmann, Emil Nolde, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Ludwig Kirchner, Marc Chagall, Paul Klee, Lionel Feininger, Wassili Kandinski, Georg Muche, Oskar Schlemmer (die fünf letztgenannten lehrten am Bauhaus), Oskar Kokoschka, Franz Marc und andere.


Die Nationalsozialisten versuchten, die moderne Kunst zu verunglimpfen und die deutsche Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass diese keine rechte und wahre Kunst sei. Dafür bereiteten sie die berühmte Ausstellung in München vor, die innerhalb von fünf Monaten ca. zwei Millionen Besucher anzog. Ein Teil von ihnen kam sicher, um für immer von den wichtigen Werken Abschied zu nehmen, doch gibt es auch Berichte, nach denen die meisten Besucher mit der NS-Meinung übereinstimmten und über die Werke schimpften, die ihrer Meinung nach nicht der Kunst zugehörig waren und für die vor 1933 große Summen zur Anschaffung gezahlt wurden. In dieser Ausstellung wurden 600 Werke von 112 Künstlern gezeigt, unter ihnen sechs Juden. Parallel dazu eröffneten die Nazis eine Ausstellung mit der offiziellen Kunst, die "Große Deutsche Kunstausstellung", ebenfalls in München, die von 600.000 Personen besucht wurde, nur etwa ein Drittel der Besucher der "Entarteten Kunst".

 

 

Darstellung von Bildern mit "rassischen" Hinweisen

Darstellung von "jüdischer Plastik und Malerei"


Nach der Schließung der Münchner Ausstellung im November 1937 zog sie bis 1941 noch durch zwölf weitere Städte in Deutschland und im besetzten Österreich. Jedes Mal wurde die Zusammenstellung der gezeigten Exponate etwas verändert und dazu wurde Propagandamaterial erstellt, wie Poster und eine Begleitbroschüre (von der ein Exemplar in der Nationalbibliothek existiert), um so den Effekt bei den Ausstellungsbesuchern zu verstärken. Die Tendenz der Broschürentexte ist eindeutig: die Autoren betonten, dass die Kunst vor dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten in ihr letztes Stadium gekommen war, in dem sie verrottet, entartet, vom Bolschewismus und natürlich von den Juden beeinflusst war. In paradoxer Weise "halfen" die Nationalsozialisten mit ihrer Kategorisierung, den Kanon der modernen klassischen Kunst genauer zu definiseren, die nach 1945 ihren geschätzten Platz auch wieder in deutschen Museen einnahm.