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Der deutsche Widerstand und der Attentatsversuch auf Hitler am 20. Juli 1944

Broschüre von Wolfgang Müller über den Aufstand, 1947Broschüre von Karl Strölin, 1952

 

​Bei den letzten in Detuschland abgehaltenen allgemeinen Wahlen vom März 1933 stimmten ca. 44 Prozent der Wähler für die NSDAP von Adolf Hitler. Dies bedeutet, dass trotz der großen Zustimmung bei diesen Wahlen, bei denen andere Parteien im Vorfeld von den Nationalsozialisten stark behindert wurden, die meisten Deutschen nicht für Hitler stimmten. Grundsätzlich hätte dieser Umstand Grund zur Hoffnung gegeben, dass größere Teile der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen hätten, dem unmenschlichen Regime Widerstand zu leisten, das sie nicht gewollt hatten. Doch blieb der Widerstand über die gesamte Zeit der NS-Diktatur von 1933 bis 1945 äußerst begrenzt und brachte nie wirkliche Ergebnisse. Die Gleichgültigkeit großer Bevölkerungsteile in Deutschland, die tief verwurzelte Autoritätshörigkeit und die Hoffnung auf die Verbesserung der Lebensbedingungen führten dazu, dass es kaum Menschen gab, die bereit waren, ihr Leben bei aktiven Widerstandsaktionen zu riskieren. Neuere Forschungen haben ergeben, dass kaum mehr als 7000 Personen in jenen Jahren aktiv gegen die NS-Diktatur vorgingen. In der Forscherwelt wird daher mit einem gwissen Sarkasmus vom "Widerstand ohne Volk" gesprochen.

 


Diejenigen, die dennoch Widerstad leisteten, kamen aus allen Teilen der deutschen Bevölkerung: Kommunisten, Sozialdemokraten, Arbeiter, Studenten ("Die Weiße Rose" in München und Hamburg), Angehörige des Bürgertums und Adlige ("Kreisauer Kreis"), Juden (Herbert-Baum-Gruppe), katholische und protestantische Christen, Einzelne und Gruppen, Frauen und Männer. Einige von ihnen sind relativ bekannt, wie etwa der Tischler Georg Elser (1903-1945) aus Süddeutschland, der schon recht früh die Ziele der NS-Führung erkannt hatte und mit dieser Realität nicht konform ging. Er bereitete einen Sprengsatz im bei Hitler beliebten Bürgerbräukeller in München vor, wo dieser in jedem Jahr am Abend des 8. November eine Gedenkrede auf den Putschversuch vom Jahr 1923 hielt. Elsers Bombe explodierte wie geplant am 8. November 1939, doch Hitler hatte – entgegen der Planung – die Lokalität eine Viertelstunde vor der Zeit verlassen. Dieser gescheiterte Versuch war nur einer von einer Reihe ähnlicher Vorhaben. Jedoch überlebten Hitler und seine engsten Untergebenen alle Anschläge ohne Schaden.


Die jüdische Widerstandsgruppe von Herbert Baum (1912-1942) agierte aus ihrer kommunistischen Weltsicht heraus und verübte 1942 einen Brandanschlag auf die Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies" in Berlin, die das kommunistische System in der Sowjetunion diffamieren sollte. Die studentische Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose" verfasste Flugblätter mit antifaschistischen Informationen, versandte diese 1942/43 an Privatleute und verteilte sie auch an der Universität München. In sehr vielen Fällen lieferten die Empfänger diese Flugblätter bei der Polizei ab. Eine ähnliiche Verhaltensweise ist im bekannten Roman "Jeder stirbt für sich allein" von Hans Fallada dargestellt, dessen Handlung auf einer wahren Geschichte beruht, in der ein Arbeiterpaar in Berlin antifaschistische Postkarten auslegt, die dann jedoch von den gesetzestreuen Bürgern alle bei der Polizei abgeliefert werden. Heute geht man davon aus, dass der große Erfolg der Gestapo bei der Unterdrückung der Widerstandshandlungen weniger auf deren Effektivität beruhte, sondern vielmehr auf der großen Bereitwilligkeit der meisten deutschen Bürger, von der NS-Ideologie abweichende Meinungen und Handlungen anzuzeigen.


Die größte Widerstandsaktion war die der Wehrmachtsoffiziere und von Vertretern des liberalen Bürgertums ("Kreisauer Kreis" und andere), deren Ziel es war, Hitler zu öten und die anderen NS-Größen zu verhaften, um den Krieg sofort zu beenden. Einige von ihnen waren schon längere Zeit Gegner des Hitler-Regimes gewesen, doch scheinen die meisten endgültig erst nach der Niederlage von Stalingrad und anderen verlorenen Schlachten im Januar/Februar 1943 aufgerüttelt worden zu sein. Die Einsicht, dass dieser Krieg nicht mehr zu gewinnen war, führte viele Militärs zu einer neuen Haltung und zu einem Handeln, das eigentlich ihrem Schwur als Deutschland und Hitler treu ergebene Soldaten widersprach, was in jenen Tagen als Angelegenheit von hoher Bedeutsamkeit betrachtet wurde. Im Zentrum der Planungen für den Anschlag und für die Umsturzpläne standen Ludwig Beck, ein ehemals hoher General (der als Generalstabschef aus Protest gegen die Kriegsziele noch vor dem Ausbruch zurückgetreten war), Karl Friedrich Goerdeler, liberal-konservativer Politiker und ehemaliger Oberbürgermeister von Leipzig, General Friedrich Olbricht, Oberst Claus Graf Schenck von Stauffenberg und General Henning von Tresckow. Die Planungen trugen den Namen "Operation Walküre".


Nach einer Reihe von fehlgeschlagenen Versuchen, in Hitlers Nähe eine Bombe zu verstecken, wurde am 20. Juli 1944 ein weiterer Versuch gemacht. An diesem Tag sollte in einer der "Führerhauptquartiere" in Ostpreußen eine große militärische Lagebesprechung stattfinden. Dazu wurde auch von Stauffenberg eingeladen und dieser brachte eine in einer Aktentasche versteckte Bombe mit. Wegen seiner schweren Kriegsverletzungen hatte von Stauffenberg nur noch einen Arm und so konnte er nur mühevoll den Zeitzünder der Bombe einstellen. Dazu verschob später im Besprechungsraum einer der Anwesenden die Tasche weiter weg von Hitler. Die Detonation tötete vier der Anwesenden und verwundete sieben weitere schwer, doch Hitler erlitt nur leichte Verletzungen und verließ die Baracke nahezu unversehrt. Die Nachricht über den Anschlag verbreitete sich schnell in Deutschland und insbesondere, dass der "Führer" lebte und nicht getötet wurde. So scheiterte das Vorhaben von Anfang an, da ein Teil der noch schwankenden Offiziere beim Erhalt der Nachricht, dass Hitler lebte, das Vorhaben nicht weiter unterstützten. Noch am Abend desselben Tages wurden in Berlin schon die ersten beteiligten Offiziere hingerichtet, unter ihnen Ludwig Beck und von Stauffenberg, andere wurden verhaftet und durch SS und Gestapo verhört. Gegen sie wurden Schauprozesse durch den berüchtigten Richter Roland Freisler abgehalten. Mehr als 200 Personen wurden hingerichtet, viele von ihnen noch in den letzten Wochen des "Dritten Reichs", unter ihnen fast 50 hohe Offiziere, auch Diplomaten, Politiker und andere. Der Anschlagsversuch erfuhr große Beachtung in Deutschland und im Ausland und war letztlich ein weiteres Anzeichen für das nahende Ende der NS-Diktatur.


 Artikel über den Umsturzversuch in der Zeitung Davar, 23. Juli 1944


 

Sofort nach Kriegsende wurde die öffentliche Diskussion über den Umsturzversuch, über die Bürgerpflicht zum Widerstand gegen ein diktatorisches System und über die Frage, ob die beteiligten Offiziere Verräter oder Helden waren, forgeführt. Die wenigen unter ihnen, die Verhöre, Folterungen und die Prozesse überlebt hatten, verbreiteten mündlich und schriftlich ihre Version der Ereignisse. Ein Beispiel ist die Broschüre des ehemaligen Oberst Wolfgang Müller, in der er schon 1947 seine Erlebnisse vor und nach dem 20. Juli 1944 wiedergab. Müller wollte der erneut zu erwartenden "Dolchstoßlegende" entgegenwirken (die nach dem Ersten Weltkrieg aufkam), die von konservativen Kreisen ausging und diejenigen beschuldigten, die gegen das Regime und gegen den Krieg eintraten, für die Niederlage verantwortlich gewesen zu sein.  Somit erklärt sich der Titel des Broschüre: "Gegen eine neue Dolchstoßlüge". Ein weiteres Beispiel ist der Text von Karl Strölin, ehemals Oberbürgermeister von Stuttgart während der gesamten NS-Zeit und NSDAP-Mitglied, der gegen Kriegsende die aussichtslose Lage Deutschlands erkannt und am Umsturzversuch teilgenommen hatte, doch eher vorsichtig und am Rande. Seinen Darlegungen gab er den Titel "Verräter oder Patrioten?". In den letzten Jahrzehnten wurden über den Widerstand, die verschiedenen Gruppen und vor allem über den 20. Juli 1944  viele Forschungen in mehreren Sprachen vorgelegt. Heute spielt die Diskussion um die Frage, ob die Beteiligten "Verräter" oder Helden waren, keine Rolle mehr, doch noch immer stellt sich die Frage, warum so wenige Menschen dem Regime ihren Widerstand entgegensetzten und warum so viele von ihnen damit warteten, bis die NS-Regierung einen Schritt vor dem Abgrund stand und der Krieg bereits verloren war.