Collections > Archives > Germany, the Jews and Israel > Deutschland, Juden und Israel > Weimarer Republik > Die Weimarer Verfassung und ihr "Vater", Hugo Preuß

Die Weimarer Verfassung und ihr "Vater", Hugo Preuß

Der Zusammenbruch des monarchistischen Systems infolge der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der Revolution im November 1918 schuf eine neue politische Wirklichkeit, die bis dahin in Deutschland fast unbekannt geblieben war: die Demokratie. Die neuen politischen Kräfte erkannten bald die Notwendigkeit zur Verabschiedung einer neuen Verfassung, entsprechend dem demokratischen System und die dem Adelsstand als solchen seine politische Kraft nehmen würde. 


Die in Weimar tagende Deutsche Nationalversammlung ernannte eine eigene Kommission zum Entwurf einer neuen Verfassung. Die Mitglieder dieser Kommission waren Staatsrechler und Verfassungsexperten. Die Kommission tagte über einige Monate, bis schließlich die neue Verfassung am 11. August 1919 durch die Nationalversammlung verabschiedet wurde. Ein ständiges Mitglied der Verfassungskommission – und für längere Zeit auch ihr Vorsitzender – war der jüdische Jurist Hugo Preuß (1860-1925). Sein Beitrag zur Verfassung war so groß, dass er bis heute als ihr "Vater" angesehen wird.

​Preuß legte der Kommission den ersten Entwurf für das bedeutende Werk vor, wovon große Teile auch in der letzen und von den Abgeordneten verabschiedeten Version erhalten blieben. Mit dieser wurde erstmals in Deutschland eine Verfassung auf den Weg gebracht, die Grundrechte für die Bürger des Landes enthielt. Zusammen mit weiteren Veränderungen schlug Preuß u.a. auch vor, Deutschland intern territorial neu aufzuteilen. Dies hätte die Auflösung der historisch gewachsenen Länder zur Folge gehabt, unter ihnen auch die des größten: Preußen. Dieser Vorschlag ließ sich jedoch bei den konservativen Vertretern in der Nationalversammlung nicht durchsetzen, eilte aber seiner Zeit voraus, da er schließlich nach 1945 bei der Gründung der deutschen Bundesländer umgesetzt wurde.


Hugo Preuß wurde in Berlin als Sohn einer Kaufmannsfamilie geboren, studierte dort und in Heidelberg Jura und schloss seine Dissertation schließlich an der Universität Göttingen ab. Er wandte sich der akademischen Forschung zu und trat als Privatdozent dem Lehrkörper der Universität Berlin bei. In dieser unbequemen Situation verblieb er 15 Jahre, da ihm als Jude die Position eines Professors ohne vorherige Konversion verwehrt wurde. Dies entsprach zwar nicht den geltenden Gesetzen, doch war diese Auffassung bei den akademischen Entscheidungsträgern tief verwurzelt. Erst mit der Einrichtung der privaten Handelshochschule in Berlin 1906 erhielt Preuß eine Stellung als Juraprofessor an dieser Institution. Seit 1895 war er Abgeordneter der Berliner Stadtverordnetenversammlung und im Jahr 1918 gehörte er zu den Gründern der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), in der unter anderem auch Walter Rathenau Mitglied war. Seit 1919 und bis zu seinem Tod war Hugo Preuß Abgeordneter im Preußischen Landtag, doch war er auch der erste Innenminister der Weimarer Republik. Allerdings trat er von dieser Position aus Protest gegen die Unterzeichnung des Versailler Vertrags zurück. In diesem Vertrag verzichtete Deutschland auf einige Hoheitsrechte und verpflichtete sich zu äußerst umfangreichen Reparationszahlungen an die Alliierten. Sein Rücktritt als Minister führte zu der absurden Situation, dass Preuß' Unterschrift nicht unter der Verfassung zu finden ist, die doch zu großen Teilen aus seinen Ideen entstanden war, denn sie wurde erst nach seinem Rücktritt verabschiedet.


Als im Jahr 1949 deutsche Juristen das Grundgesetz der Bundesrepublik (statt einer Verfassung, die es de jure bis heute nicht gibt) entwarfen, orientierten sie sich an der Weimarer Verfassung als Grundlage für das neue Werk. Größere Teile der ursprünglichen Verfassung fanden Eingang in das Grundgesetz, doch wurden auch Korrekturen an solchen Paragraphen vorgenommen, die sich als nicht haltbar oder gar als gefährlich für die demokratische und staatliche Stabilität erwiesen hatten. Schließlich konnte Hitler sein Terrorregime auf der Grundlage von Paragraph 48 der Weimarer Verfassung einrichten, der ihm ermöglichte, die Grund- und Menschenrechte in staatsgefährdenden Situationen außer Kraft zu setzen, was die Nazis für ihre Interessen ausnutzten.