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Die Uraufführung eines frühen Krimis – der Film "Der große Unbekannte"

Vorderseite der Einladung zur Uraufführung des Films "Der große Unbekannte", 1927

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eroberte ein neues Medium die Unterhaltungsindustrie: der Film. Während der ersten drei Jahrzehnte der Filmgeschichte mussten sich die Zuschauer mit dem Betrachten der bewegten Bilder zu Begleitmusik begnügen. Ab dem Ende der 1920er Jahre wurde dann eine wachsende Anzahl von Tonfilmen produziert, die innerhalb kurzer Zeit das Ende des Stummfilms herbeiführten. Mit ihnen verschwanden auch zahlreiche Schauspieler, die sich an die neuen künstlerischen Anforderungen der Tonfilme nicht schnell genug gewöhnen konnten. Der Film stellte letztlich eine technologisierte Form des Theaters dar: Auf den Schauspielbühnen spielten die Darsteller Abend für Abend vor wechselndem Publikum, während die Filme die einmalige Produktion der Handlung in Filmform konservierten. Die Filmrollen konnten nahezu beliebig oft vervielfältigt und die Kopien in verschiedenen Kinos in Städten der Welt vorgeführt werden, wobei jedes Mal die selbe Version von den Zuschauern gesehen wurde (abgesehen von kleinen Abweichungen hervorgerufen durch die Vorführbedingungen oder durch technische Probleme).
 

Auch in Deutschland entstanden zahlreiche Filmtheater und lockten das begeisterte Publikum in die neuen Filmproduktionen, die vermehrt schon seit den späten Jahren der Kaiserzeit entstanden. Die Zahl der Produktionen wuchs noch in den Jahren der Weimarer Republik, trotz der enormen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu Beginn der 20er Jahre. Die großen Produktionsfirmen unterhielten gleichzeitig Kinoketten, wie die UFA und die EMELKA. 1927 gab es in Deutschland bereits 4300 Lichtspielhäuser, von denen die größten mehr als 1000 Zuschauern Platz boten. Uraufführungen neuer Filme fanden in großen Kinos in Metropolen statt, um so den Filmen gleich von Anfang an ein breites Publikum und öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Dazu wurden Filmkritiker und Journalisten eingeladen, vor allem mit der Hoffnung, dass diese möglichst positiv über die Filme berichteten, was wiederum einen Werbeeffekt auslösen konnte.
 

​Einer der in Berlin tätigen Kulturkritiker war Karl Ehrenstein (1892-1971), Sohn einer Wiener jüdischen Familie und Bruder des bekannten Epressionisten Albert Ehrenstein. Karl, der ebenfalls literarische Versuche im Stil des Expressionismus vornahm (doch ohne wesentlichen Erfolg), schrieb Kritiken über Kulturveranstaltungen, die in der deutschen Hauptstadt in der Mitte der 1920er Jahre stattfanden, sehr oft für die kommunistische Zeitung "Die Welt am Abend". Von den meisten von ihm besuchten Veranstaltungen bewahrte er die Einladungen, die Eintrittskarten, seine Notizen für die Kritiken und die Ausschnitte der schließlich veröffentlichten Texte. So zeichnet sich in seinem Nachlass ein beeindruckendes Bild vom kulturellen Leben in Berlin während der "Goldenen Zwanziger". ​

Carl Bruder, ​Albert Ehrenstein


Ein von Karl Ehrenstein mit einer Kritik bedachtes Ereignis war die Uraufführung des Stummfilms "Der große Unbekannte", die am 13 Oktober 1927 im Filmtheater "Emelka-Palast" am Kurfürstendamm in Berlin stattfand. In diesem Film wurde erstmals die Handlung eines Kriminalromans des bristischen Schriftstellers Edgar Wallace (1875-1932) verfilmt: "The Sinister Man" (1924, in Deutsch 1928 erschienen als: "Der Unheimliche"). Wallaces Kriminalromane waren in Deutschland sehr populär und waren für einige Jahrzehnte in den Bestsellerlisten zu finden. Allerdings wurde dieser Roman erst ein Jahr nach der Uraufführung des Films in Deutsch veröffentlicht, so dass die Handlung den meisten Zuschauern noch unbekannt war.


 

Text von Carl Ehrensteins veröffentlichter Filmkritik


Der Film entstand in Produktion und Regie von Manfred Noa, ein deutscher Regisser – wahrscheinlich jüdischer Abstammung – der in den 1920er Jahren in beinahe 30 Filmen Regie führte. Der herausragendste unter ihnen ist die bis heute einzige filmische Verarbeitung des Schauspiels "Nathan der Weise" (1922) von Gotthold Ephraim Lessing. Allerdings ist der Film "Der große Unbekannte", unter dessen ersten Zuschauern auch Carl Ehrenstein war, einem völlig anderen Genre zuzurechnen und wandte sich an ein breiteres Publikum. In der Handlung wird eine Geschichte um Drogenhandel, Bandenkämpfe und viel Geld gesponnen. Die Gruppe der im Film mitspielenden Schauspieler steht repräsentativ für die kosmopolitische Atmosphäre Berlins in den Zwanziger Jahren: unter ihnen waren Schauspieler aus England, Frankreich, Österreich und sogar aus Fernost. Nicht selten trennten sich die Wege der beteiligten Darsteller sechs Jahre später mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten. So verlegte beispielsweise der britische Hauptdarsteller Jack Trevor seinen Wohnsitz nach Deutschland und blieb dort auch in der NS-Zeit. Die neuen Machthaber zwangen ihn als Sprecher englischer Nachrichten in deutschen Sendern während des Zweiten Weltkriegs zu arbeiten. Sein jüdischer Kollege Kurt Gerron, ein damals in Deutschland sehr bekannter Schauspieler, versuchte, vor den Nazis zu fliehen, doch wurde er schließlich im KZ Theresienstadt inhaftiert. Dort zwangen die Nationalsozialisten den Schauspieler, der auch als Regisseur tätig gewesen war, den Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" über Theresienstadt zu produzieren. Trotz allem wurde Kurt Gerron einige Monate nach Fertigstellung des Films in Auschwitz ermordet.


 

Einladung zur Uraufführung und Programm mit der Besetzung der Rollen


Natürlich konnte Carl Ehrenstein all dies noch nicht wissen, als er seine scharfe Kritik über den Film "Der große Unbekannte" schrieb. Nach seiner Meinung war die Handlung langweilig und stellte die Werte der Bourgeoisie in den Vordergrund (zur Erinnerung: er schrieb für ein kommunistisches Blatt). Allerdings verbarg er nicht sein positives Urteil über die Regie und die Leistung der Schauspieler. Soweit bekannt ist, sind alle Kopien des Filmes heute verschollen. Alles, was vom "Großen Unbekannten" bis heute erhalten blieb, sind Filmplakate und die hier gezeigte, sehr seltene Einladung zur Uraufführung, die Carl Ehrenstein unter seinen Papieren aufbewahrte.