Die Templer in Palästina

Hotel der Familie Fast vor dem Jaffator in Jerusalem, Anfang 20. Jahrhundert

In der Mitte des 19. Jahrhunderts beschlossen einige protestantische Familie im Südwesten Deutschlands, eine von der lutheranischen Hauptströmung getrennte Glaubensgemeinschaft zu gründen. Sie sahen und sehen sich als Bausteine des spirituellen „Tempels“, eines gemeinschaftlichen Lebens nach christichen Grundsätzen. Bei den Mitgliedern der Gemeinschaft gilt Jesus nicht als Sohn Gottes, sondern als religiöser Lehrer und als Vorbild für ein aufrechtes Leben. Ab dem Ende der 1850er Jahre prüften Vertreter der Gemeinschaft und Führung von Christoph Hoffmann die Möglichkeit, nicht nur nach den ideellen Grundsätzen innerhalb der Grenzen Deutschlands zu leben, sondern dies in unmittelbarer Nähe zum ehemaligen jüdischen Tempel zu tun: in Palästina. Dies geschah aus dem christlichen Selbstverständnis als „neues Volk Israel“. Im Jahr 1868 betraten die ersten Siedler den Boden Palästinas, erwarben Land in der Nähe von Haifa und gründeten die erste Siedlung, deren Gebäude bis heute existieren. Im Laufe der folgenden Jahre kamen weitere Siedler dazu und gründeten neue Niederlassungen in Jaffa (1869), im nahe gelegenen Sarona (1871), in Jerusalem (1873), später auch in Wilhelma (1902, heute: Bne Atarot) sowie in Bethlehem in Galiläa (1906). Mit diesen Orten entstanden auch religiöse Institutionen, Bildungseinrichtungen, und Firmen verschiedenster Art. 1878 lebten in den Templersiedlungen etwa 850 Personen, 1884 bereits 1300 und am Vorabend des Ersten Weltkriegs stieg ihre Zahl auf ca. 2000.


 

​Die Templer betrieben Landwirtschaft (Anbau von Zitrusfrüchten und Wein), errichteten kleine Fabriken und Manufakturen (Eisenindustrie und Werkzeugherstellung), unterhielten einen Verlag, Hotels, eine Zeitung (Warte des Tempels) und eine Bank, die geschäftlich auch beim Ha'avara-Abkommen ab 1933 tätig wurde. Die Anlegung von wirklichen Straßen zwischen den Siedlungen war lebenswichtig für die Existenz der Siedler. Der Aufenthalt und die Leistungen der deutschen Templer in Palästina waren – lange Jahre vor dem eigentlichen Beginn der zionistischen Bewegung – von grundlegener Bedeutung und in zahlreichen Gebieten geht die Entwicklung des Landes auf sie zurück.


Reisekatalog von D. E. Munari - Passage-Agentur der Sudanesischen Staatseisenbahnen und Dampfer, 1929. Die Agentur besaß ein Büro in Jerusalem, betrieben von der Familie Fast

 

 


Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, nachdem die Britische Armee Palästina erobert hatte, wurden die Templer der südlichen Siedlungen in ein ägyptisches Internierungslager in der Nähe von Kairo deportiert. Ein Teil von ihnen wurde später sogar noch nach Deutschland ausgewiesen, andere lebten in diesem Lager bis 1920, doch wurde ihnen danach gestattet, wieder in ihre Häuser zurückzukehren. In der Mandatszeit entwickelten sich die Beziehungen zwischen den Templern und den Mandatsbehörden positiv, wie auch zu den verschiedenen lokalen Bevölkerungsgruppen – Juden und Araber gleichermaßen.


Ein Hinweis für die Geschäftsbeziehungen zwischen Juden und Templern in Palästina ist der hier gezeigte Brief. Es handelt sich ein Empfehlungsschreiben vom Direktor der Bank der Tempelgesellschaft, Christoph Hoffmann, für den jüdischen Industriellen Shaul Levi.  Hoffmann schrieb die Empfehlung aus seiner Sicht als Direktor einer wichtigen Bank Palästinas in jener Zeit und bestätigte darin, dass er Levi schon seit 25 Jahren als ehrlichen, ehrenhaften und gediegenen Geschäftsmann kannte. Shaul Levi unterhielt eine Firma im Bereich der Eisenidustrie mit Standorten in Jaffa und Jerusalem. Die Empfehlung Hoffmanns deutet darauf hin, dass Levi seine Finanzen über die deutsche Bank in Palästina regelte, die sich einen guten Namen als verlässliches und solides Institut erworben hatte. 


 


 

Empfehlungsschreiben des Direktors der Bank der Tempelgesellschaft, Christoph Hoffmann, für den Unternehmer Shaul Levi, 1926



Bekanntlich zeigten nicht alle Deutschen in den Templersiedlungen Interesse daran, treue Bürger in Mandats-Palästina zu sein. Einige von ihnen gründeten eine Ortsgruppe der NSDAP und nicht wenige der deutschstämmigen Einwohner Palästinas schlossen sich dieser an. Verständlicherweise stieß dieser Vorgang bei den Juden Palästinas auf Ablehnung, während jedoch die britischen Behörden zunächst unbesorgt blieben – bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Seit September 1939 galten die Templer wegen ihrer deutschen Staatsangehörigkeit als „Feindliche Ausländer", doch geschah dies auch auch wegen der politischen Orientierung eines Teils von ihnen. Infolge dessen wurden die Familien der Templer in einigen ihrer Siedlungen interniert, andere wurden nach Australien deportiert. Die letzten von ihnen verließen Palästina mit der israelischen Staatsgründung 1948. Noch immer existieren viele der Gebäude, die die deutschen Templer errichteten und sie gelten heute meist als exklusive Wohnviertel (so etwa die Deutschen Siedlungen in Haifa und in Jerusalem) oder wurden in nach der Rekonstruktion in Erholungs- und Freizeitzentren umgewandelt (Sarona im Zentrum von Tel Aviv). 


 

Statuten der Deutschen Weinbau-Genossenschaft Wilhelma – Sarona, 1920Gedruckte Verfassung der Tempelgesellschaft von 1935