Die Zeitschrift "Rimon" – "Milgroim"

Zu Beginn des Herbstes 1922 erschien die erste Nummer von "Rimon" – der ersten hebräischen Zeitschrift für Kunst. Die hebräischsprachigen Leser, die bis dahin an Zeitschriften und Literaturblätter auf billigem P apier und mit engem Druckbild gewöhnt waren, staunten über die herausragende Qualität dieser bahnbrechenden Zeitschrift, nicht nur über ihren Inhalt – seriöse Beiträge zu allen Bereichen der jüdischen Kunst – sondern auch über die ausgezeichnete typographische Qualität, über das gute Papier, auf dem sie gedruckt wurde, und über die bestechenden farbigen Illustrationen, die großzügig auf den Seiten platziert waren.


Logo des Verlags "Rimon", 1922. Entwurf: Tobias Schwab

Hinter der Zeitschrift "Rimon" stand eine kleine Gruppe russischstämmiger Juden, an ihrer Spitze der Historker Mark Wischnitzer und dessen Frau, die Kunstwissenschaflerin Rachel Bernstein-Wischnitzer. Ende 1921 schloss sich das Ehepaar Wischnitzer einer Gruppe russisch-jüdischer Exilanten in Berlin an. Wischnitzer und seine Frau stellten einem Bekannten, dem russisch-jüdischen Intellektuellen Leopold Sew, der aus dem Pariser Exil nach Berlin zu Besuch gekommen war, das Projekt der Herausgabe einer jüdischen Kunstzeitschrift vor. Sew zeigte großes Interesse und stellte den Kontakt zu Elija Paenson, einem vermögenden Juden aus Russland her, die die Veröffentlichung hebräischer Literatur förderte. Paenson unterstützte begeistert die Herausgabe hebräischer Kunstbücher und stellte häufig das Startkapital für derartige Projekte zur Verfügung. Sein Name – als einer der drei Direktoren – erschien in fast allen Veröffentlichungen des Verlages, neben denen von Dr. Mark Wischnitzer und Alexander Kogan. Letzterer gehörte der Elite der russischen Verleger an, kam ebenfalls in jenen Tagen nach Berlin und befasste sich mit der Produktion einer luxuriösen Kustzeitschrift, die parallel in Russisch und in Deutsch erschien: "Der Feuervogel" bzw. "Jar-Ptiza".


 

 

Titelseite der russischen Kunstzeitschrift "Feuervogel", 1921.
Entwurf: Sergeij Tschuchonin


Trotz der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg und der politischen Instabilität, die die ersten Nachkriegsjahre prägte, entwickelte sich die Druckindustrie dort beträchtlich weiter und blieb noch immer weltweit führend, wie schon in den Jahren zuvor. In jener Zeit erschütterte die Inflation die Weimarer Republik und schädigte Industrie wie Volkswirtschaft beträchtlich. Jedoch konnten Besitzer ausländischer Währungen Druckerzeugnisse in hoher Qualität und zu niedrigen Preisen produzieren lassen.


Zwischen 1921 und 1923 waren in Deutschland und vor allem in der Hauptstadt Berlin mehr als 30 verschiedene hebräische Verlage tätig. Diese Verlagshäuser verlegten innerhalb kürzester Zeit hunderte hebräische Buchtitel in bis dahin unbekannt hoher Qualität. Zur gleichen Zeit hatten die deutsch-jüdischen Verleger, wie auch ihre deutschen Kollegen, mit der enormen wirtschaftlichen Krise zu kämpfen. Die Situation der russisch-jüdischen Exilanten war jedoch völlig anders. Die meisten Finanzinstitutionen der zionistischen Bewegung befanden sich in den USA und in Großbritannien. Auch die Geldgeber, die den Aufenthalt der zahlreichen Flüchtlinge aus Russland finanzierten, führten ihre Geschäfte außerhalb der Grenzen der Weimarer Republik. Daher ermöglichten die verhältnismäßig kleinen Beträge (in den damaligen Dollar- und Sterlingkursen), die regelmäßig an die jüdischen Auswanderer in Deutschland geschickt wurden, diesen ein würdiges Leben. So waren sie, trotz ihrer augescheinlichen Außenseiterrolle als statutslose Auswanderer und Flüchtlinge dennoch in einer ungemein günstigeren Position als ihre deutsch-jüdischen Glaubensgenossen.


Aus der polyglotten Realität, die die russisch-jüdische Einwanderergesellschaft in Deutschland charakterisierte, entstand die Idee, parallel neben der Zeitschrift "Rimon" eine jiddische Ausgabe mit dem Namen "Milgroim" (Granatapfel) erscheinen zu lassen. Ein Teil der Artikel in beiden Zeitschriften war identisch, jedoch unterschieden sich die literarischen Abschnitte. Obwohl "Milgroim" lediglich eine der vielen jiddischen Zeitschriften aus dem literarischen Zentrum der osteuropäisch-jüdischen Migranten in Berlin zu Beginn der 1920er Jahre gewesen zu sein scheint, ragt sie doch in ihrem Charakter durch ihre direkte Sprache, in der sie sich an die Leser wandte, deutlich heraus.


Die Ähnlilchkeit zwischen dem Zeitschriften-Zwilling "Rimon" und "Milgroim", der durch die Eheleute Wischnitzer herausgegeben wurde, und der russischen Zeitschrift, die Alexander Kogan besorgte, besteht nicht nur in den herausstechenden farbigen Titelseiten. Es lässt sich leicht erkennen, dass Kogan und das Ehepaar Wischnitzer das Mittelalter als die "Goldene Zeit" der Kunst erkannten, zu der zurückkehren sei und aus der Inspirationen kommen sollten. Dies sollte nicht nur auf die Typographie beschränkt sein (die hebräischen Drucktypen waren sowohl an die aschkenasischen und sephardischen Handschriftenbilder, wie auch an slawische Handschriften aus der Epoche angelehnt), sondern auch in anderen Motiven der mittelalterlichen Folklore zum Ausdruck kommen, schließlich auch in der Wiederbelebung zusätzlicher typischer Motive aus Handschriften und frühen Drucken.


Insgesamt erschienen beim Verlag "Rimon" zwischen der Jahresmitte 1922 und Anfang 1924 sieben Titel, einige von ihnen in drei oder sogar vier verschiedenen Sprachen (insgesamt zwölf Buchtitel), zusätzlich zu den sechs Heften von "Rimon" und den sechs Ausgaben des jiddischen Pendents "Milgroim". Als im Jahr 1924 die Inflation in Deutschland gestoppt und der Mark-Kurs stabilisiert wurde, verschwanden die wirtschaftlichen Bedingungen, die das preisgünstige Erscheinen der Bücher ermöglicht hatten. Infolgedessen nahte das Ende dieses einzigartigen Buchverlags, wie auch das vieler anderer hebräischer Verlage, die in dieser intensiven Zeit entstanden und bald auch wieder verschwanden.


 

Titelseite der Zeitschrift "Rimon", 1922;

oben: Titelseite der "Milgroim", 1922.
Entwurf: Ernst Böhm und Franziska Baruch 


Gil Weissblei