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Zwischen Ideologie und Rassismus: Adolf Hitler Schrift "Mein Kampf", 1924-1926

Titelblatt einer Ausgabe von "Mein Kampf" von 1933

Titelblatt einer Ausgabe von "Mein Kampf" von 1933

Im Jahr 1925, nur kurze Zeit nach dem Ende der Hyperinflation in Deutschland, erschien ein politisches Buch mit extremen Ansichten, das durch einen Aktivisten vom rechten Rand der politischen Skala in jenen Tagen verfasst worden war. Der Verfasser, der außerhalb Bayerns noch nicht allzu bekannt war, hatte 1924 neun Monate in Festungshaft verbracht, zu der er wegen eines gescheiterten Putschversuchs in der bayrischen Hauptstadt München am 9. November 1923 verurteilt worden war. In den Monaten der Haft verfasste der Häftling sein erstes Buch, dessen Titel "Mein Kampf" war. Der Name des Autors lautete Adolf Hitler. Niemand vermutete, dass der Verfasser dieses Buches innerhalb von zehn Jahren an der Spitze der deutschen Regierung stehen sollte, dass er nach weiteren sechs Jahren den zerstörerischsten Krieg der Menschheitsgeschichte entfesseln würde und dass er in 20 Jahren, nachdem er diesen Krieg mit mehr als 50 Millionen Opfern verlieren würde, schließlich Selbstmord begehen sollte.

Der Inhalt des Buches, das ursprünglich in zwei Teilen angelegt war, ist wegen seiner ausdrücklichen Aggressivität gegen politische Feinde, gegen die Demokratie und hauptsächlich gegen die in Hitlers Augen dem deutschen Volk "feindliche Rasse" – die Juden – bekannt. In "Mein Kampf" verknüpfte Hitler zwei Hauptthemen: autobiografische Abschnitte – die zum Teil inkorrekt dargestellt sind – und daneben ausführliche politische Programme. Hitler beabsichtigte mit seinem Buch einerseits einen politischen Weg gegen den "bolschewistisch-jüdischen" Kommunismus aufzuzeigen, der nach seiner Meinung in jenen Tagen die größte Bedrohung darstellte, doch andererseits auch gegen das internationale Finanzkapital, das nach seinen Worten ebenfalls "in den Händen des Judentums" lag. Der Autor brachte in seinem Buch eine Reihe von politischen Forderungen vor, wie den Anschluss Österreichs an Deutschland, die Eroberung von "Lebensraum" für das deutsche Volk auf Kosten anderer Staaten und natürlich die "Offenlegung " der jüdischen Pläne für die Erringung der Weltherrschaft. Hitler zögerte nicht, sich auf die berüchtigten "Protokolle der Weisen von Zion" zu stützen – eine gefälschte Schrift, die von Antismeiten zum "Beweis" für das angebliche jüdische Streben nach der Weltherrschaft verfasst wurde.


Um die Planung und Entstehung des Buches ranken sich nicht wenige Varianten, Geschichten, Legenden und Gerüchte. Hitler wurde nachgesagt, bedeutende Teile des Buches nicht selbst geschrieben zu haben; angeblich habe er auch Teile des Textes seinem Vertrauten, Rudolf Hess, diktiert; vielfach wurde behauptet, dass Hitler selbst nicht in der Lage gewesen sei, einen kohärenten Text zu verfassen und daher auf die Hilfe anderer bei der Vorbereitung für den Druck angewiesen gewesen zu sein, etc. Ohne Zweifel handelt es sich nicht um ein literarisches Werk von hoher Qualität: Die Lektüre fällt nicht leicht und der Leser erschrickt schnell vom verworrenen Stil und den widerlichen Inhalten. Diese Charakteristiken führten zu der allgemein verbreiteten Annahme, dass das Buch zwar sehr populär war (bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurden bereits mehr als 240.000 Exemplare verkauft), doch es kaum jemand gelesen hatte. Jedoch beweisen neuere Forschungen, dass das Buch dennoch seine Leserschaft fand, die sich für die darin erhaltenen Ideen interessierte. Trotz des gewissen Erfolgs war der publizistische Nachhall für "Mein Kampf" anfangs gering. Das Buch wurde von den Kritikern für politische Bücher in der Weimarer Republik kaum für voll genommen – abgesehen von jenen, die sich mit der faschistischen Bewegung in Deutschland identifizierten.


Neben Hitlers Drang, ein politisches Buch zu verfassen, gab es noch einen weiteren Grund für das Erscheinen von "Mein Kampf": Hitlers Bedarf an Finanzen. Er erhoffte sich von dem Verkauf des Buches ausreichende Erlöse, um die zahlreichen Rechtsbeistände bezahlen zu können, die er bis zu seiner Ernennung zum Reichkanzler beschäftigte. Bis zum Jahresbeginn 1933 brachte das Buch einen gewissen Gewinn ein, seine wahre Popularität erreichte es aber erst nach dem Januar 1933. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten sich dieses Buch quasi zum politischen Grundprogramm des "neuen Deutschland" wandelte. Sofort wurden neue Ausgaben gedruckt, Exemplare an frisch verheiratete Paare (statt einer Bibel) oder als Geschenke von Arbeitskollegen überreicht. Nach Schätzungen von Historikern wurden bis zum Ende der NS-Ära mehr als 11 Millionen Exemplare gedruckt – nur in der deutschen Version. Bis 1945 wurden noch autorisierte und unautorisierte Übersetzungen in 15 Sprachen angefertigt. Diese hohen Auflagenzahlen brachte hohe Tantiemen ein und Hitler verbot den Verkauf von gebrauchten Exemplaren im Antiquariatshandel, um die hohen Einnahmen nicht zu gefährden, so dass offiziell ausschließlich neue Exemplare erhältlich waren.

 

Das Buch von Irene Harand, "Sein Kampf", 1935 

Das Buch von Irene Harand, "Sein Kampf", 1935


Unter den Reaktionen gegen die vielen Verleumdungen, die in "Mein Kampf" zu finden sind, ragt ein Buch heraus, das von einer österreichischen Katholikin namens Irene Harand verfasst wurde. Ihr Buch von 1935 trägt den Namen "Sein Kampf", es nimmt Partei für die Juden und versucht, sie gegen die wilden antisemitischen Beschuldigungen zu verteidigen, die Hitler in seiner ideologischen Schrift aufbrachte. Harand entlarvte in ihrem Buch die Lüge als ein Hautwerkzeug Hitlers und als Basis für seine Behaupungen. Ferner erläutert sie, warum die Lügen bezüglich des Talmud, angeblicher Ritualmorde und Behauptungen über die Neigung der Juden zu Wucherzins schlichtweg nicht war sind. Harand widerlegt schließlich auch die "Autorität" der bekannten Schrift der "Protokolle der Wiesen von Zion", deren Wert als historische Quelle Hitler so sehr schätzte. Zu ihrem Glück weilte Irene Harand in der Zeit des "Anschlusses" von Österreich 1938 in England, so dass sie von der sicheren Verhaftung verschont blieb. Später emigrierte sie in die USA.


Die Karriere der verhetzenden Schrift mit Hitlers abstrusen Gedanken kam in Deutschland mit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg zu ihrem Ende. Nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes fürchteten Millionen verschreckte Bürger, dass der Besitz des Buches als Vergehen gewertet würde und vernichteten viele Exemplare. Bis heute ist eine Neuauflage der Schrift "Mein Kampf" in Deutschland untersagt, doch gibt es in jüngster Zeit Bemühungen zur Herausgabe einer wissenschaftlich kommentierten Ausgabe unter Begleitung von Forschungsarbeiten, die das Buch und seinen politisch-historischen Kontext erläutern. Allerdings lässt sich die Herausgabe in anderen Sprachen kaum verhindern und daher finden sich leider zahlreiche verschiedene Ausgaben – meist ohne historische Erläuterungen – in vielen Buchhandlungen weltweit.