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Der deutsche Tonfilm "Dreyfus" und dessen Vorführungen in Palästina

 

Filmplakat des Haifaer Kinos "Ein Dor" für den Film "Dreyfus", 1931

Im Februar 1931 prangten in Palästina Plakate für einen neuen Film – einer der ersten Tonfilme – der in den Kinos zu sehen war. Das Poster, in den Farben Rot und Blau auf weißem Grund deutete darauf hin, dass das Thema mit Frankreich zu tun hatte. Der Name des Films beseitigte jeden Zweifel: "Dreyfus". Das Poster des Haifaer Kinos "Ein Dor" warb für den Film in vier Sprachen: Hebräisch (dieser Teil nimmt etwa zwei Drittel des Plakats ein), Deutsch, Arabisch und Englisch. Diese Vielsprachigkeit war Ausdruck der Multikulturalität Palästinas in der Mandatszeit zu Beginn der 1930er Jahre. Da es sich hier noch um einen deutschen Film aus der Weimarer Republik handelte und die Nationalsozialisten noch nicht an der Regierung waren, stellte die Nutzung des Deutschen im Plakattext noch kein Problem dar. Im Gegenteil: Ein offenbar überzeugender Grund, den Film zu sehen, war gerade dessen Sprache. Der Wortlaut des Plakats: "100 % in Deutsch".


Was war an diesem Film, der aus den Studios in Berlin bis in die Kinos Palästinas gekommen war, so besonders? Zunächst waren seit der Dreyfus-Affäre nur etwas mehr als drei Jahrzehnte vergangen und sehr wahrscheinlich gab es in jenen Tagen noch viele Personen, die sich an die für die jüdische Geschichte so bedeutende Affäre noch gut erinnern konnten. Die Begebenheiten um den französischen Offizier Dreyfus und seine Verurteilung hatten die Geschichte des Zionismus nachhaltig beeinflusst, da Theodor Herzl als Korrespondent einer Wiener Zeitung von diesem berichtete und bald darauf seine berühmten zionistisch-programmatischen Schriften verfasste. Darüber hinaus sprach das Filmthema sehr direkt die jüdischen Zuschauer an. Die Produktion dieses Films im Jahr 1930 war auch eine Reaktion auf die zunehmend wachsende antisemitische Stimmung in Deutschland. Die Beleuchtung der biografischen Hintergründe der wesentlich am Film beteiligten Personen – von den Drehbuchautoren über den Regisseur und hin zu den meisten Hauptdarstellern – zeigt, dass die meisten von ihnen aus jüdischen Familien stammten. Diese Fakten machten den Film offenbar zu einem guten Anwärter auf Vorführungen in den Kinos Palästinas und verlieh ihm sogar den Status einer "großen nationalen Tragödie", wie auf dem hier gezeigten farbigen Plakat zu lesen ist.

 

 

Plakat für den Film "Dreyfus" nach Neuerwerb der Filmrollen im Kino "Ein Dor" in Haifa, 1931


Wer waren also die beteiligten Hauptpersonen an diesem deutsch-jüdischen Film, der gegen Ende der Weimarer Republik produziert wurde? Produzent und Regisseur war Richard Oswald (1880-1963), ein gebürtiger Wiener, der seit 1912 in Berlin lebte und wirkte. Dort gründete Oswald ein Filmrpoduktionsfirma, bei der Dutzende Filme produziert wurden, darunter auch für die Zeit eher ungewöhnliche Filme. So produzierte Oswald, nach Beratungen mit dem berühmten Sexualforscher Magnus Hirschfeld, Filme zu den Themen Homosexualität, Abtreibung, Prostitution und Geschlechtskrankheiten. Seine Emigration 1933 nach Machtantritt der Nationalsozialisten verringerte seine Arbeitsmöglichkeiten beträchtlich. Die meisten der Hauptdarsteller im Film "Dreyfus" kamen aus der berühmten Schule des Regisseurs Max Reinhardt am "Deutschen Theater" in Berlin: Fritz Kortner (in der Rolle des Dreyfus), Grete Mosheim (Dreifus' Frau) und Oskar Homolka (Major Esterhazy) – alle waren jüdischer Herkunft. Nach ihrer Emigration in die USA konnten einige in der amerikanischen Filmindustrie Fuß fassen (beispielsweise Oskar Homolka – dieser spielte in Hollywood an der Seite von Marlene Dietrich, John Wayne, Ronald Reagan und Marilyn Monroe). Andere kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg wieder nach Deutschland zurück, wie Fritz Kortner und Grete Mosheim. An ihrer Seite spielte im Dreyfus-Film auch Heinrich George, einer der bekanntesten Schauspieler der Weimarer Zeit, der zu Beginn seiner Karriere mit der politischen Linken in Deutschland kooperierte und sich nach 1933 mit den NS-Machthabern arrangierte, was ihm eine Fortsetzung seiner Karriere auch unter deren Regime ermöglichte.


Es scheint, dass der Film "Dreyfus" auf die Zustimmung des Publikums in Palästina stieß. Ein interessanter Fall ereignete sich in Zusammenhang mit dem Film und seiner Vorführung im Kino "Ein Dor" in Haifa. Kurze Zeit nach Anlaufen der Vorstellungen wurden die Filmrollen aus diesem Kino gestohlen und die Betreiber mussten eine neue Kopie erwerben. Anschließend warben sie erneut für den Film, was sicher nicht geschehen wäre, wenn die Zuschauer ausgeblieben wären.


In den Beständen der Nationalbiliothek finden sich zwei Plakate für den Film aus dem Kino "Ein Dor" in Haifa, doch bei den Recherchen für diesen Text stellte sich heraus, dass sich in den Sammlungen sogar ein Exemplar des originalen deutschen Drehbuchs befindet. Dieses seltene Exemplar kam an die Bibliohtek im Rahmen der Rettung von Tausenden jüdischen Büchern aus Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Kopien des Films finden sich bis heute in verschiedenen Filmarchiven in der Welt.


Einband des originalen Drehbuchs für den Film "Dreyfus", 1930