Ein Sederabend in Cambrai, 1915

​Ende März 1915 versammelten sich einige deutsch-jüdische Soldaten in der französischen Stadt Cambrai, um gemeinsam den Sederabend und das Pessachfest zu feiern, soweit dies unter den Realitäten des Ersten Weltkriegs möglich war. Um sich dementprechend vorzubereiten, fertigte der bayerische Soldat Adolf (Abraham) Fraenkel (1891-1965), Doktor der Mathematik, eine Anmeldeliste an. In diese schrieben sich noch neun Soldaten ein, die meisten aus bayerischen Einheiten, die sich in okkupierten französischen Gebieten nahe zur belgischen Grenze aufhielten. Fraenkel gab klare Anweisungen an die Teilnehmer, auf welche Weise sie Ausgangsgenehmigungen aus den Einheiten erhalten konnten: Sie mussten diese für "religiösen Zwecke" erbitten und sollten sich außerdem für die Zusammenkünfte mit einem Gebetbuch versehen. Alle Interessierten wollten an beiden vorgesehenen Abenden teilnehmen, dem 29. und 30. März. Die Anmeldeliste für den Sederabend nahm Dr. Fraenkel schlielich wieder an sich und verwahrte sie unter seinen persönlichen Papieren noch viele Jahrzehnte. Zusammen mit seinem Nachlass gelangte die Liste schließlich an die Archivabteilung der Israelischen Nationalbibliothek.

Abraham (Adolf) Fraenkel als deutscher Sanitäter im Ersten Weltkrieg


50 Jahre später verfasste derselbe Abraham (Adolf) Halevi Fraenkel seine Lebenserinnerungen in deutscher Sprache, obwohl er mittlerweile bereits beinahe 40 Jahre in Israel lebte. Dieses Buch, das bislang noch immer nur in Deutsch vorliegt, enthält auch ein Kapitel über die Zeit Fraenkels im deutschen Militär während fast des gesamten Ersten Weltkriegs. In diesem Kapitel berichtete Fraenkel, dass er zunächst zwei Jahre als Sanitäter eingesetzt war. 1915 diente er in einem Lazarett in der französischen Stadt Cambrai. Fraenkel berichtete in seinem Buch weiter, dass er auch seelsorgerische Tätigkeiten für jüdische Soldaten übernommen hatte. Damit füllte er den Raum zwischen den religiösen Bedürfnissen der jüdischen Soldaten und den Feldrabbinern, die nicht immer und überall vor Ort sein konnten. Sehr wahrscheinlich organisierte Fraenkel den Sederabend in Rahmen seiner Aufgaben als Seelsorger. Darüber schrieb schrieb er in seinen Erinnerungen:


"Auf der anderen Seite gaben die mit dem jüdisch-traditionellen Leben, vor allem dem Essen, doch auch mit Gebet, Tephillin, Nicht-Rasieren und anderem mehr, verbundenen Schwierigkeiten immer neue Probleme auf. In der Tat konnte ich stets koscher leben, abgesehen von einer kurzen Periode im Frühjahr 1918, als mir dies durch einen Brief des Berliner Adass-Rabbiners Dr. Esra Munk ausdrücklich verboten wurde. Daß die Beobachtung des Sabbat nur selten durchführbar war, liegt auf der Hand." (zitiert aus: Abraham A. Fraenkel: Lebenskreise. Aus den Erinnerungen eines jüdischen Mathematikers. Stuttgart 1967, p.128)


In er zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs wurde Fraenkel zu einer meteorologischen Einheit versetzt, was seinen herausragenden Fähigkeiten als Mathematiker weit mehr entsprach. Sofort nach Kriegsende kehrte Fraenkel an die Universität Marburg zurück, später lehrte er in Kiel als Professor für Mathematik. Im Jahr 1926 bereiste Fraenkel mit seiner Familie Palästina und drei Jahre später wanderte er dorthin aus, nachdem er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Mathematik an der Hebräischen Universität in Jerusalem erhalten hatte. 1938 wurde er sogar zum Rektor der Universität gewählt. In Israel veröffentlichte Fraenkel wissenschaftliche Abhandlungen und erweiterte das mathematische Vokabular in Hebräisch, das längst noch nicht für alle Notwendigkeiten vorhanden war.


Die Anmeldeliste für den Sederabend: