Plakat zum Erwerb von Kriegsanleihen, 1918

​Jeder Krieg verschlingt große Ressourcen. Große Geldsummen werden benötigt, um Waffen, militärisches Gerät, den Sold der Soldaten, deren Verpflegung und die vielen anderen benötigten Ausgaben zu finanzieren. Zeiten bewaffneter Konflikte verändern die Wirtschaft der beteiligten Länder: Um die jeweilige Wirtschaft an die ungewöhnliche Situation anzupassen, benötigt der Staat Geld aus Krediten und Anleihen, auch um das Produktionsprofil der nationalen Industrie auf die Kriegsziele umzustellen. In der Geschichte des 20. Jahrhunderts waren die nationalen Regierungen meist sehr siegessicher und davon überzeugt, nach dem Sieg die Schulden zurückzahlen zu können. Die unterlegenen Länder sollten für Reparationszahlungen an die Sieger aufkommen und dieses Geld sollte zur Tilgung der Schulden benutzt werden. Doch gibt es in jedem Krieg auch Verlierer und im Fall der Niederlage konnten keine Schulden an Banken und Privatleute, die Kriegsanleihen erworben hatten, zurück gezahlt werden. In dieser Situation wurden sogar weitere Gelder benötigt, also mussten neue Schulden gemacht werden, umd die Forderungen der Sieger zu erfüllen.

​In Kriegszeiten spielt die Propaganda eine zentrale Rolle, zunächst um die Reihen der Bevölkerung geschlossen zu halten, doch auch um die Unterstützung der Zivilisten für die Soldaten an den Kriegsfronten einzufordern. Selbstredend wurde die Möglichkeit einer Niederlage in öffentlichen Verlautbarungen nie thematisiert und somit nie auf gedrucktem Material: Plakate, Flugschriften u. ä. Eine öffentliche Stellungnahme zu dieser Möglichkeit hätte die Bereitschaft der Bevölkerung zur Unterstützung der Kriegsziele mindern können, was wiederum zu einem Rückgang beim Kauf von Kriegsanleihen hätte führen können. Daher spielten Aufrufe zum Erwerb von Kriegsanleihen meist mit den Gefühlen der Bevölkerung und mit ihrer Angst vor dem grausamen Feind. In Kriegszeiten ist die Angst bekanntermaßen ein guter Verkaufskatalysator.

 


 

Erste Seite eines Markenhefts für die Zeichnung auf Kriegsanleihen (ARC. 4* 1776 03 9)

 


Der Erste Weltkrieg war eine Blütezeit für Kriegsanleihen und die Aufrufe zu deren Erwerb. Fast alle großen in den Krieg verwickelten Staaten wandten sich an ihre Bürger, damit diese ihr Privatvermögen einsetzten und ihre Siegeshoffnungen durch den Erwerb von Kriegsanleihen ausdrückten. Im kaiserlichen Deutschland wurden neun Mal Kriegsanleihen ausgegeben, um die gewaltigen Kosten decken zu können. Der Verkauf dieser Anleihen spülte fast 100 Milliarden Mark in die Kriegskassen des deutschen Heeres – etwa 85 Prozent der Gesamtkosten. Fast jedes halbe Jahr während des Kriegsverlaufs legte die deutsche Regierung eine neue Anleihe zur Aufbringung von Geld aus der Bevölkerung auf. Die letzte erfolgte im September 1918, nur zwei Monate vor Einstellung der Kriegshandlungen. Der Zins auf die Anleihen wurde auf fünf Prozent festgelegt, mehr als für gewöhnliche Spareinlagen. Die Anleihen konnten auch gehandelt werden, da sie grundsätzlich die Möglichkeit auf Gewinne hatten – für den Fall des Sieges des deutschen Heeres.


Die Geschichte nahm jedoch einen anderen Verlauf und Deutschland wurde im November 1918 endgültig besiegt. So kam es zu einem wirtschaftlichen Desaster: Deutschland war nicht in der Lage, seine Schulden zu begleichen, vielmehr mussten neue Schulden aufgenommen werden, um die gewaltigen Reparationen an die Aliierten aufbringen zu können, die im Vertrag von Versailles vorgeschrieben worden waren. Allerdings tobte 1922 und 1923 die Hyperinflation, so dass de facto alle Schuldscheine ihren Wert verloren und die die innere Schuldenlast des Staates bei seinen Bürgern verschwand – während diese ihr Vermögen endgültig verloren, das sie für die Finanzierung des deutschen Heeres aufgebracht hatten. Diese Entwicklung führte zur Erschütterung des Glaubens an die staatlichen Autoritäten bei den Bürgern, der bislang fest zum allgemeinen Verständnis gehört hatte. Doch diese Autoritäten wurden in ihren Grundfesten erschüttert, waren sie doch für die Kriegsniederlage mit verantwortlich und ebenso für die horrende Vernichtung von Privatvermögen.

 


 


Das hier gezeigte Plakat wurde offenbar im Jahr 1918 veröffentlicht, doch bisher ist ungeklärt, ob es für die achte oder die neunte (gleichzeitig die letzte) Ausgabe von Kriegsanleihen warb. Das zentrale Motiv ist die Bedrohung Deutschlands und seiner Armee durch einen neuen Waffentyp: britische Tanks. Diese Tanks vom Typ "Mark I" kamen erst im letzten Kriegsjahr in massiven Gebrauch , doch verwirten sie den deutschen Generalstab und die Soldaten in den Schützengräben gleichermaßen. Dieses Plakat gehört zur Sammlung von Arthur Czellitzer, einem Berliner Augenarzt, der über zehn Jahre hinweg in Berlin propagandistische Plakate und politische Bekanntmachungen gesammelt hatte. Dr. Czellitzer übergab diese Sammlung 1936 an die Nationalbibliothek in Jerusalem, bevor er im Jahr 1943 im Holocaust umgebracht wurde.