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Durch die Linse und aus der Vogelperspektive: Fritz Groll und die Flugstaffel „Pascha“ in Palästina

​Gil Weissblei


 

Eine der professionellen Luftaufnahmen, hier von Javne

Im Sommer 1925 erhielt die Hebräische Universität Jerusalem ein außergewöhnliches Geschenk von der Jüdischen Gemeinde München: eine Sammlung mit mehr als 1300 Silberabzügen von Lauftaufnahmen Palästinas und der näheren Umgebung. Die wertvollen Fotografien wurden auf Kartons geklebt und in eigens durch einen Tischler mit kunsthandwerklichen Fähigkeiten hergestellten Holzschubläden verwahrt. Der Rechtsanwalt Elijahu Strauss, einer der Vorsteher der Münchner Gemeinde, überzeugte die übrigen Gemeindeführer, die Herstellung der Abzüge und ihren Versand nach Jerusalem zu finanzieren. Die Initiative für die Herstellung der Abzüge von den originalen Negativ-Glasplatten ging jedoch von dem Forscher und Geografen Abraham Jacob Brawer aus, der sie im Bayrischen Kriegsarchiv in München und im Preußischen Militärarchiv in Potsdam entdeckt hatte.

 


Der originale Karteikatalog dieser bemerkenswerten Bildsammlung wird noch immer im Lesesaal der Archivabteilung an der Nationalbibliothek in Jerusalem aufbewahrt und dank der gewissenhaften Arbeit von Brawer, der an ihrer Aufbereitung nach eigenem Bekunden „einen ganzen Winter lang saß", konnten Generationen von Geografen, Forschern und Historikern großen Nutzen daraus ziehen und so die Kenntnisse über Palästina erweitern. Doch wer eigentlich hatte diese Bilder fotografiert und und zu welchem Zweck? 
 

​Felsendom in Jerusalem (Omar-Moschee)​Treffen mit Bedouinen, Lageralltag


Ab Juni 1916 kooperierten die türkische und die deutsche Armee im Nahen Osten besonders intensiv. Der Einfluss, den der deutsche Oberkommandierende an der palästinensischen Front, Friedrich Freiherr Kreß von Kressenstein,an verschiedenen Militärstellen geltend gemacht hatte, zeigte Ergebnisse und in Folge dessen wurde eine erste Fliegerabteilung nach Palästina verlegt. Die in Auflösung befindliche türkische Armee konnte den anrückenden Briten kaum etwas entgegen setzen und war dringend auf deutsche Unterstützung angewiesen. Die Verwendung des neuen Verkehrsmittels Flugzeug war in diesem Krieg geradezu revolutionär und gab von Kressenstein Anlass zu neuer Hoffnung. Die Kommandeure der deutschen Armee befürworteten die Entwicklung dieser neuen Gattung, die noch in vielerlei Hinsicht problematisch und unausgereift war, und fürderten die Entwicklung zu einem veritablen Kriegsgerät. Kommandeur der neuen Fliegerabteilung, die direkt aus Deutschland nach Palästina verlegt wurde, war Hellmuth Felmy, der seine militärische Karriere bis in den Zweiten Weltkrieg weiter verfolgte und schließlich in den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher verurteilt wurde. Unter ihm diente als ein weiterer Kommandeur der Fliegerabteilung ein an Jahren älterer Offizier, der eine neue Einheit in der deutschen Armee kommandierte: eine Luftbild-Einheit. Fritz Groll, ein ca. vierzigjähriger, erfahrener Militär, war de facto die Person, der – erstmalig in der Geschichte – die Aufgabe erteilt wurde, zu militärischen Zwecken Palästina aus der Luft zu dokumentieren.

 

 

Der türkische Oberkommandierende im Nahen Osten, Dschemal (Cemal) Pascha und General Kreß von Kressenstein vor den deutschen Flugzeugen in Beer Sheva; Moschee in Beer Sheva

 


Groll sah – wie alle seine Kameraden in der Fliegerabteilung – die Expedition in den Orient als ein Abenteuer an. Die weiße Kolonialkleidung, die er und die anderen Flieger vor ihrer Abreise in Deutschland erworben hatten, verlieh dem gesamten Unternehmen eher einen touristischen als einen militärischen Charakter. Dieser Eindruck verstärkt sich noch beim Blättern in Grolls privatem Fotoalbum, dass mehr an ein Erinnerungsalbum eines Pilgers oder Touristen erinnert, der auf dem Luftweg nach Palästina gelangte, als an das eines Armeeoffiziers, der sich in der Region während eines bis dahin ungekannt gewalttätigen Krieges aufhielt. Der Fotograf-Militär-Pilot verweilte mit seiner Kamera an bekannten heiligen Stätten die in der Bibel erwähnt sind und füllte die Seiten des Albums mit enthusiastischen Beschreibungen zu den Bildern vom Tempelberg, dem Ölberg und anderen Lokalitäten in und um Jerusalem. Grolls Privalalbum legt damit ein seltenes Zeugnis ab von der Verfasstheit einer der Pioniere der Luftbildfotografie und diese Verfastheit charakterisiert gleichsam die Geisteshaltung vieler europäischer Militärs, die in diesem Krieg ins Heilige Land kamen. Das in seiner Art einmalige Album wurde 1992 von Ruth Schnell aus London durch Vermittlung von Prof. Benjamin Kedar der Bibliothek gestiftet. Kedar untersuchte auch intensiv Grolls Fotos. Die vielen seltenen Fotografien in diesem Album, aufgenommen aus der Luft und vom Boden, ermöglichen uns einen einmaligen Blick auf die Landschaften Palästinas in den Tagen der zuende gehenden Herrschaft des Ottomanischen Reiches, wenige Momente vor dem Anbruch einer neuen Epoche.

Luftbild von Jaffa und Aufnahme einer Siedlung am See Genezareth​Der See Genezareth und Tiberias