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Albert Ballin, Die HAPAG-Reederei und die Auswanderer nach Amerika

Im Jahr 1847 wurde in Hamburg eine neue Schiffahrtsgesellschaft unter dem Namen HAPAG (Hamburg-Amerikanische Packetfahrt Aktiengesellschaft) gegründert. Ein Alternativname für das Unternehmen war "Hamburg-Amerika-Linie". Der Name implizierte bereits das Programm der Firma, die zwischen Deutschland und den amerikanischen Seehäfen operierte und ihren Schwerpunkt auf eine spezielle Klientel lenkte: die zahlreichen Auswanderer von Europa nach Amerika. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war die Auswanderung nach den USA und anderen amerikanischen Staaten eine Lösung für viele Menschen, für die es in Europa keine günstigen Lebensumstände gab, sei es aus politischen oder aus wirtschaftlichen Gründen. Anfangs unterhielt die HAPAG ausschließlich Segelschiffe, doch im Laufe der Jahre erwarb sie auch modernere Schiffe, die damals in Gebrauch kommenden Dampfschiffe. Die Gesellschaft operierte mit einigem Erfolg, musste sich jedoch mit mehreren konkurrierenden Schifffahrtsgesellschaften aus Deutschland, England, Belgien und Holland den Markt der Auswandererbeföderung teilen. Erst später kam auch die Frachtsparte massiv mit in das Geschäftsmodell.​

Im Jahr 1886 wurde ein junger Geschäftsmann jüdischer Abstammung namens Albert Ballin (1857-1918) in die Firma übernommen. Ballin hatte von seinem Vater eine Auswandereragentur in Hamburg geerbt. Diese Agentur versorgte Auswanderer mit Schiffskarten für die Passage von verschiedenen europäischen Häfen nach Amerika. Die Einstellung Ballins war für die HAPAG ein bedeutender Schritt. Von Anfang an war Ballin verantwortlich für das Passagiergeschäft. Er agierte darin so erfolgreich, dass er schon nach zwei Jahren in den Vorstand aufrückte und ab 1899 schließlich als Generaldirektor fungierte.


Unter Ballins Einfluss orderte die Gesellschaft größere und schnellere Schiffe, die für die Auswanderer auf zahlreichen Zwischendecks ein größeres Angebot zu moderaten Preisen offerierten. Die Nachfrage seitens der Klientel war so groß, dass das Unternehmen schließlich ab 1900 auf einer der Elbinseln bei Hamburg die "Auswandererhallen" errichtete, in denen die Menschen bei guten Konditionen und in sauberer Umgebung auf ihre Abfahrt nach Amerika warten konnten. Dieser Geschäftserfolg – zu dem sich auch bald Erfolge im Frachtgeschäft einstellten – führte zu stetigem Wachstum des Unternehmens, das schließlich am Vorabend des Ersten Weltkriegs die weltgrößte Reederei mit 175 Schiffen und weit mehr als 20.000 Angestellten war. Der Wettbewerb mit anderen Reedereien führte immer wieder zur Anschaffung neuerer und größerer Schiffe und einige Male waren unter ihnen die damals weltgrößten Schiffe (bis eine andere Gesellschaft wieder ein größeres Schiff erwarb).1914 erwarb die HAPAG schließlich drei riseige Dampfschiffe, auf denen jeweils 4000 Passagiere Platz fanden, zwei von ihnen nahmen noch die Fahrt zwischen Hamburg und New York auf, doch das dritte konnte wegen des Kriegsausbruchs nicht mehr fertig gestellt werden und fuhr nie für das Unternehmen. Der Wahlspruch des Unternehmens lautete: "Unser Feld ist die Welt". Zwischen 1850 und 1935 emigrierten über Hamburg ca. fünf Millionen Menschen, unter ihnen zahlreiche Juden aus Osteuropa. Ein Großteil von ihnen fuhr auf Schiffen der HAPAG.

 


 

Passagierdampfer "Albert Ballin" der HAPAG, 1923


Albert Ballin stand 19 Jahre an der Spitze der HAPAG. Das Wachstum in jenen Jahren geht wesentlich auf sein Wirken zurück, doch auch auf die Unterstützung, die er von politischer Seite erhielt. Deutschlands letzter Kaiser, Wilhelm II., war von Schiffen, besonders von großen, sehr angetan, was auch im Flottenbauprogramm für Kriegsschiffe in dieser Zeit zum Ausdruck kam. Trotz seiner jüdischen Herkunft stand Ballin, die nie zum Christentum konvertierte, Kaiser Wilhelm II. sehr nahe und war einer von dessen inoffiziellen jüdischen Ratgebern (zusammen mit Emil und Walter Rathenau, James Simon und anderen). Albert Ballin sah sich als treuen deutschen Staatsbürger in jeglicher Hinsicht und war von großem Einflauss auf die deutsche Politik. Ein Zeugnis davon ist der hier gezeigte Brief, den er 1916 an einen Wiener Bekannten, Dr. Georg Halpern, einem der zionistischen Führer jener Zeit schrieb. In dem Brief bezieht Ballin Stellung zu politischen Ereignissen in Polen und zum Kriegsgeschehen in Rumänien. Der Fakt, dass Ballin mit einem zionistischen Vordenker korrespondierte, überrascht etwas, auch vor dem Hintergrund des Todes des HAPAG-Generaldirektors, der sich am 9. November 1918 das Leben nahm, am Tag der Abdankung Kaiser Wilhems II. Der Zusammenbruch des Kaiserreiches und die Niederlage Deutschlands im Krieg trafen Albert Ballin zutiefst und erschütterten sein Wertesystem. Sein Suzid verhinderte, dass er Zeuge der Enteignung der HAPAG-Flotte wurde, die im Rahmen der Kriegsentschädigungen an die Alliierten erfolgte. Jedoch existierte das Unternehmen weiter und erholte sich in den Jahren der Weimarer Republik. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die meisten Schiffe erneut enteignet, doch konnte sich die HAPAG ein weiteres Mal erholen und existiert bis heute.


 

Brief Albert Ballins an Georg Halpern in Wien, 1916