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Eine Postkarte von Curt David Wormann an Felix Weltsch, 1955

Rückseite der Postkarte: Brandenburger Tor​Als Curt Wormann diese Postkarte aus Berlin an Felix Weltsch schickte, war dies nicht nur ein schriftlicher Gruß unter Arbeitskollegen. Tatsächlich schrieb der Direktor einer bedeutenden Institution in Israel an einen seiner leitenden Mitarbeiter – in Deutsch. Wer aber war Curt Wormann? Was tat dieser in Berlin, nur zehn Jahre nach Kriegsende? Und wer war Felix Weltsch?

Curt (David) Wormann wurde 1900 in Berlin geboren, studierte Literaturwissenschaften, trat der SPD bei und war als Bibliothekar in der öffentlichen Bibliothek von Berlin-Kreuzberg tätig, die er schließlich bis 1933 leitete. Im Frühjahr dieses Jahres erhielt Wormann sein Entlassungsschreiben von städtischen Behörden in Berlin, die innerhalb kurzer Zeit gemäß den Vorgaben der Nazis walteten. Wormann wurde aus zwei Gründen entlassen: Er war Jude und Sozialdemokrat. Ein Jahr darauf wanderte Wormann nach Palästina aus und ab 1937 arbeitete er wieder als Bibliothekar, diesmal an der städtischen Bibliothek in Tel Aviv und unter deren Leiter Heinrich Löwe. Doch sollte dies nicht die letzte Station in Wormanns Karriere bleiben: Im Jahr 1947 erhielt er sein letztes Amt, das des Direktors der Jewish National and University Library in Jerusalem (heute die Israelische Nationalbibliothek). Dort begann er seine Tätigkeit unter nicht leichten Bedingungen, die sich 1948 durch die Teilung Jerusalems noch verschärften, da das Bibliotheksgebäude, getrennt vom (jüdischen) Westteil der Stadt, auf dem Mount Scopus verblieb. Es ist maßgeblich Wormanns Verdienst, dass die Bibliothek erhalten blieb und sogar sowohl die Bestände als auch das Personal vergrößert wurden. Schließlich erhielt sie auf dem neuen Campus der Universät Givat Ram ein modernes Gebäude, das 1960 eröffnet wurde und der Nationalbibliothek bis heute als Domizil dient. Parallel zu seiner leitenden Tätigkeit an der Bibliothek gründete Wormann die Schule für Bibliotheks- und Archivwissenschaften an der Hebräischen Universität und stand dieser auch vor.


 

 

Felix Weltsch, Martin Buber und Curt Wormann

 


Felix Weltsch, der Adressat der Postkarte, wurde 1887 in Prag geboren. In seiner Geburtsstadt studierte er Jura und Philosophie und verfasste in beiden Fächern Dissertationen. Schon seit 1910 war er als Bibliothekar an der Bibliothek der deutschen Universität in Prag tätig. Aus den Tagen seines Jurastudiums war er gut mit Franz Kafka bekannt. Der große Schriftstellerwurde einer von Weltschs engsten Freunden. Zusammen mit Max Brod und dem blinden Schriftsteller Oskar Baum bildeten sie den berühmten "Prager Kreis", der wichtige Impulse für die Literatur und die Philosophie seiner Zeit gab. Ab 1919 und bis in die letzten Tage ihrer Existenz im Frühjahr 1939 war Weltsch der Chefredakteur der böhmisch-zionistischen Zeitung "Selbstwehr". Beim Einmarsch der Wehrmacht in Böhmen 1939 floh Weltsch mit seiner Familie und zusammen mit Max Brod nach Israel. Hier ließ er sich in Jerusalem nieder und wurde einige Zeit darauf an der National- und Universitätsbibliothek eingestellt. Wegen seiner langjährigen Erfahrungen im Bibliothekswesen wurde Weltsch Leiter der Klassifizierung und lehrte später auch an der Bibliotheksschule. Parallel zu dieser Tätigkeit verfasste Weltsch philosophische und literarische Beiträge und natürlich auch über Franz Kafka und dessen Werk. Weltsch schrieb meist in Deutsch, doch wurden seine Schriften ins Hebräische und auch in andere Sprachen übersetzt.


In der Postkarte an Weltsch schrieb Curt Wormann über die Treffen, die er in Deutschland hatte, so zum Beispiel mit den Verlegern Peter Suhrkamp und Lambert Schneider, doch auch mit Hans Wilhelm Eppelsheimer, dem ersten Leiter der Deutschen Bibliothek in Frankfurt. An einem seiner Tage in Deutschland besuchte Wormann sogar die (Ost-)Berliner Staatsbibliothek Unter den Linden, die ehemalige "Nationalbibliothek" des preußischen Staates. Sehr wahrscheinlich kannte Wormann dort noch Bibliothekare von seiner Zeit in Berlin. Es ist auch bekannt, dass Wormann sich sehr für die Rettung jüdischer Bücher einsetzte, die von den Nazis beschlagnahmt worden waren. Es ist gut möglich, dass der Direktor der Jerusalemer Bibliothek aus diesen Gründen 1955 sogar ins kommunistisch beherrschte Ost-Berlin fuhr, zu einer Zeit, als es überhaupt keine Beziehungen zwischen Israel und der DDR gab.


Die Wahl des Deutschen für den Text der Postkarte  ist nicht überraschend: es war die Muttersprache von Wormann und Weltsch und beide fühlten sich ihr eng verbunden. Nur die Adresse schrieb der Absender in Hebräisch, um so die Arbeit der Postbeamten in Israel zu erleichtern.


Eine Postkarte von Curt David Wormann an Felix Weltsch: