Theodor Heuss in Jerusalem

Genau vor 55 Jahren, am 5. Mai 1960, reiste der ehemalige bundesdeutsche Staatspräsident, Prof. Theodor Heuss, nach Jerusalem. Obwohl Heuss nur einer von Tausenden Touristen gewesen zu sein scheint, die in diesem Jahr nach Israel kamen, und sein Besuch als rein privat eingestuft war, rief sein Kommen große Aufmerksamkeit hervor. Was war so besonders an Heuss' Person, das ihn von den anderen politischen Führern Deutschlands nach dem Krieg unterschied, und was war das Geheimnis seiner Ausstrahlung, die viele dazu brachte, ihn sehr entgegenkommend zu empfangen, obwohl sie sich noch immer von den neuen Beziehungen zum "anderen Deutschland" distanzierten?​

Der Ingenieurssohn Theodor Heuss, wurde 1884 in Württemberg geboren. Er studierte Staatswissenschaftenan den Universitäten München und Berlin. Schon in der Studentezeit beteiligte er sich an politischen Aktionen. Die eindeutigen Positionen, die er als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei zum Ausdruck brachte, standen in starkem Kontrast zu den von der NSDAP am Ende der Weimarer Republik ausgedrückten Haltungen. Unter den Texten, die Heuss in jenen Tagen publizierte, sind zwei zu nennen, die explizit gegen Hitler gerichtet waren. Später wurden diese Werke Opfer der Bücherverbrennungen und der Name des Autors wurde öffentlich angeprangert. In der NS-Zeit wurde Heuss jegliche politische und journalistische Tätigkeit verboten. Er widmete sich dem Schreiben von Biografien und einer umfassenden Studie der Revolution von 1848 in Detuschland. Die in Zeitungen veröffentlichten Artikel publizierte er unter einem Pseudonym.


Heuss' große Stunde als Staatsman schlug nach dem Zweiten Weltkrieg. 1948 wurde er – nach dem gescheiterten Versuch, eine gesamtdeutsche liberale Partei zu gründen – zum Vorsitzenden der Freien Demokratischen Partei (F.D.P.) gewählt. Seine ihm entgegen gebrachte Achtung, seine ausgewogene Persönlichkeit sowie seine umfassende Bildung brachten ihm die Anerkennung vieler Menschen in der im Entstehen begriffenen Bundesrepublik ein. Als einer der Väter des Grundgesetzes prägte Heuss wesentlich das Antlitz des Landes, das sich aus Trümmern erhoben hatte und mit einer schweren Vergangenheit kämpfte. 1949 und erneut 1954 wurde Heuss zum ersten Bundespräsidenten gewählt. In seinen beiden Amtszeiten erwarb er sich die Zuneigung vieler Deutscher.



 

​Heuss hatte verinnerlicht, dass der Aufbau Deutschlands und die Neuafnahme in die Weltgemeinschaft untrennbar vom mutigen Umgang mit der eigenen NS-Vergangenheit abhing. Felix Schinnar schrieb in seinen Erinnerungen, dass Heuss "zum Ausdruck brachte, dass Deutschlands unauslöschliche Schuld in dem Begriff der 'kollektiven Scham' des deutschen Volkes für das Geschehene zu sehen sei." Bei der Einweihung der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Bergern-Belsen im Jahr 1952 sagte Heuss: "Sie werden nie, sie können nie vergessen, was Menschen ihrer Volkszugehörigkeit in diesen schamreichen Jahren geschah. [...] Diese Scham nimmt uns niemand, niemand ab."


Dieses mutige Verhältnis zur Epoche des "Dritten Reiches" schuf bei vielen Vertrauen, auch in Israel, und erleichterte die Annäherung an das Land, dass noch immer mit seinen Verbrechen an der Menschlichkeit in Verbindung gebracht wurde. Heuss' Persönlichkeit erleichterte somit die Anerkennung des aufgeklärten, "anderen Deutschlands", zu dem viele israelische Bürger noch immer bewundernd aufblickten, seine Kultur insgeheim verehrten und die ungeduldig auf ein neues Kapitel im Verhältnis zwischen beiden Völkern warteten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Heuss von der akademischen Elite Israels – die vielfach aus Deutschland stammte – ein warmer Empfang bereitet wurde. Als Intellektueller und kulturvoller Mensch hatte Heuss verstanden, dass eine neue Annäherung zwischen dem jüdischen und dem deutschen Volk nicht nur über Wirtschaftsverträge und diplomatische Zeremonien zu erreichen war. Die Mittel für die Schaffung von Beziehungen zwischen Israel und Deutschland lagen nach seiner Meinung in offenem und ehrlichen Meinungsaustausch von Intellektuellen, Künstlern und Denkern von beiden Seiten. Sein Besuch in Jerusalem war einer der Höhepunkte in einer Reihe von Treffen und wichtigen gegenseitigen Besuchen, bei denen ein reger kulturell-geistiger Meinungsaustausch stattfand.


Martin Buber, Gerschom Scholem, Akiba Ernst Simon und Samuel Hugo Bergmann waren Heuss' Gastgeber an der Hebräischen Universität und sprachen bewegte Begrüßungsworte bei einem Symposion, dass zu Heuss' Ehren auf dem Universitätscampus Givat Ram stattfand und auf dem er selbst über die Gestaltung der Demokratie sprach. "750 Plätze hat das Weiss-Auditorium der Hebräischen Universität," berichtete am folgenden Tag die Zeitung "Ma'ariv", "mehr als 1000 kamen und viele mussten draußen bleiben."


Der Besuch an der Hebräischen Universität erfüllte den 76jährigen Heuss mit großer Befriedigung, vielleicht auch, weil es das einzige Ereignis auf seiner langen Reise durch Israel blieb, bei dem nicht ausdrücklich die Rede auf den Holocaust kam und ihm keine Fragen zu diesem Thema gestellt wurden. In der Zeit, in der die Bürger des Landes auf den Prozessbeginn gegen Adolf Eichmann warteten – nur kurze Zeit, nachdem bekannt wurde, dass er nach Israel gebracht worden war – war das Thema der Holocaust-Verbrechen ein brisanter und viel diskutierter Gesprächsstoff. Es ist jedoch auch nicht zu leugnen, dass bei diesem historischen Besuch viele Israelis lautstark schwere Kritik gegen den freundlichen Empfang äußerten, der dem Vertreter des deutschen Volkes, dem "Volk der Mörder" zuteil wurde.


Heuss, der nach eigenem Bekunden überall ein kleines Notizbuch mit sich führte, in das er zeichnete um so seine Eindrücke wiederzugeben, veröffentlichte kurze Zeit nach seinem Besuch in Israel ein kleines Buch mit seinen in Israel gehaltenen Reden, in dem auch die an der Hebräischen Universität zu seinen Ehren gehaltenen Ansprachen enthalten sind. In diesem Buch wurden auch einige seiner anmutigen Pinselzeichnungen von israelischen Landschaften veröffentlicht, die ihn beeindruckt hatten. Im August 1960, nur zwei Monate nach seiner Rückkehr nach Deutschland, schickte er Martin Buber ein Exemplar dieses Buches mit einer persönlichen Widmung. Während seines Aufenthaltes in Jerusalem hatte Heuss zu Buber ein sehr enges Verhältnis entwickelt und diesen auch in dessen Haus in der Chovevei-Zion-Straße besucht.


Das Zusammentreffen mit den führenden Köpfen der Hebräischen Universität führte auch zu einem Besuch der Nationalbibliothek, die damals noch eine Universitätseinrichtung war. Die "National- und Universitätsbibliothek" – so ihr damaliger Name – stand vor dem historischen Umzug von ihrem provisorischen Domizil im Terra-Sancta-Gebäude in ihr neues Gebäude auf dem Campus Givat Ram. Auf den Bildern, die diesen Besuch dokumentieren, sieht man Heuss, mit einer Zigarre im Mund, wie er mit Interesse einige alte aschkenaissche Gebetbücher betrachtet, die ihm vom damaligen Bibliotheksdirektor, Dr. Curt David Wormann und von Dr. Issachar Yoel gezeigt wurden. Beide stammten ursprünglich aus Deutschland. Heuss kannte Wormann noch aus dessen Zeit als Leiter der öffentlichen Bibliotheken in Berlin-Kreuzberg in den Tagen der Weimarer Republik.


Dieser wichtige Besuch, trotzdem er nach der Beendigung von Heuss' offizieller Amtszeit als Bundespräsident stattfand, war nach den Worten von Felix Schinnar ein wichtiges Glied bei der Stärkung des entscheidenden Anteils der geistigen, wissenschaftlichen und kulturellen Seiten bei der Ausbildung der Beziehungen zwischen beiden Völkern, denn diese Felder besitzen ewige Werte.