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Studentenkundgebung gegen (Neo-)Nazis und gegen Antisemtismus in München, 1960

Am Weihnachtsabend des Jahres 1959 beschmierten zwei 25jährige Männer die Synagoge in Köln in Westdeutschland mit antisemitischen Sprüchen und mit Hakenkreuzen und begossen auch einen Gedenkstein für die Opfer des NS-Regimes mit Farbe. Anwohner beobachteten die Täter und verständigten die Polizei. Wenige Tage danach konnte die Polizei die Täter stellen, die Mitglieder in einer kleinen rechtsextremistischen Partei mit dem Namen "Deutsche Reichspartei" waren. Trotzdem die meisten Bürger noch einigermaßen mit derartigen Parolen und den Bildern von geschändeten Synagogen vertraut waren, beschäftige die Tat das öffentliche Interesse und rief ein großes Echo hervor. Minister verurteilten die Tat, im Radio und im damals noch jungen Fernsehen wurden Sondersendungen über die Affäre und über den Fortgang der polizeilichen Ermittlungen gesendet. Auch die israelische Presse berichtete über die Angelegenheit, wie etwa in der Zeitung "Davar" vom 27.12.1959. Einerseits führte die Synagogenschändung zu ähnlichen Taten in anderen westdeutschen Städten, doch bildete sich auf der anderen Seite auch Widerstand in Form einer Welle antifaschistischer Kundgebungen und Veranstaltungen, auf denen die Vorkommnisse besprochen wurden.

 

Eine öffentliche Kundgebung fand im Februar 1960 in München statt. Bewohner des Wohnheims am Massmannplatz, eine junge und demokratisch organisierte Gemeinschaft, luden zu einem Treffen in einem der Hörsäle der Technischen Hochschule ein, auf dem in öffentlichem Rahmen über die alt-neue Welle des Antisemitismus und über die Notwendigkeit der Bewältigung der deutschen Vergangenheit diskutiert werden sollte. Auf der Münchener Kundgebung sprach – neben anderen – Helmut Hammerschmidt, stellvertretender Chefredakteur des Bayrischen Rundfunks, dessen jüdischer Vater in der NS-Zeit ermordet worden war. Die Veranstalter gaben dazu später eine Sondernummer ihrer Wohnheimzeitung heraus und berichteten darin über den Abend, der genau in die Zeit des Faschings fiel, was ein Grund für die verhältnismäßig geringe Teilnehmerzahl gewesen sein mag. In dieser Zeitung, von der ein Exemplar nach Israel geschickt wurde, wurden die Reden der Teilnehmer an der Veranstaltung abgedruckt.


 

Studentenkundgebung gegen (Neo-)Nazis und gegen Antisemtismus in München, 1960 

 

 

Paradoxer Weise führte die antisemitisch motivierte Tat der beiden Kölner Extremisten zu einer positiven Wendung: Infolge der Synagogenschändung wurden die deutsche Gesellschaft und Regierung von offizieller und inoffizieller Seite im In- und Ausland stark kritisiert, so dass sich Regierungsstellen gezwungen sahen, klare Schritte zur Förderung einer gesamtgesellschaftlichen Diskussion über die deutsche Vergangenheit bis 1945 einzuleiten. Ein Bundesminister mit eindeutiger NS-Vergangenheit musste zurücktreten. Bundeskanzler Adenauer nahm als Reaktion erstmals an einer Gedenkveranstaltung für jüdische KZ-Opfer teil. Die Kölner Bibliothek "Germania Judaica", die 1959 auf eine Initiative von Heinrich Böll gegründet wurde und sich der deutsch-jüdischen Geschichte widmet, entwickelte sich rasch weiter und ist heute auf ihrem Gebiet die bedeutendste Spezialbibliothek in Deutschland. In einigen westdeutschen Universitäten wurden Institute für Judaistik gegründet (Berlin, Frankfurt, Köln, Freiburg) und 1963 – 25 Jahre nach der so genannten "Reichskristallnacht" – wurde in Köln eine große Ausstellung über jüdische Geschichte in Deutschland eröffnet, die mehr als 100.000 Besucher zählte. Im Jahr 1960 trafen sich erstmals David Ben-Gurion und Konrad Adenauer, und kurze Zeit später kamen die ersten Schüleraustausche zwischen den Ländern zustande, die dann 1965 offiziell diplomatische Beziehungen aufnahmen.