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Die Olympischen Spiele von München 1972: Das Massaker an israelischen Sportlern auf deutschem Boden

​Ioram Melcer


 

Artikel in der israelischen Tageszeitung "Davar" zum Angedenken an die elf Opfer der Geiselnahme, 7. September 1972

Im Jahr 1972 wurden die 20. Olympischen Spiele abgehalten. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland als Gastgeber für ein wichtiges internationales Sportereignis ausgewählt. Die Olympischen Spiele und die Fußballweltmeisterschaften galten damals wie heute als prestigeträchtigste Sportereignisse der Welt. In den Jahren des Krieges wurden beide Ereignisse ausgesetzt. Insbesondere die Olympischen Spiele trugen an der Last der letzten Vorkriegsspiele, die 1936 in Berlin ausgetragen und von den NS-Machthabern ausgenutzt wurden, um die angebliche Überlegenheit der "arischen Rasse" zu demonstrieren.

 


Die Spiele wurden ab 1948 wieder abgehalten, zuerst in London, wobei die Wahl der britischen Hauptstadt nicht zufällig erfolgte. Die Fußballweltmeisterschaften fanden wieder ab 1950 statt, zuerst in Brasilien. Deutschland, mittlerweile in zwei Staaten aufgeteilt, wurde bis 1972 bei den Vergaben nicht berücksichtigt. Westdeutschland, dass sich die Demokratie und den Willen zum Wiederaufbau in materieller Hinsicht auf seine Fahnen geschrieben hatte, wie auch in Bezug auf seinen Ruf und Sitz in der Völkergemeinschaft, sah die Olympiade von 1972 als eine Gelegenheit zur Korrektur des vom Krieg geprägten Bildes. Als Gastgeberstadt hatte sich München beworben, auch darin lag eine große Symbolik. München als "Stadt der Bewegung" und Wiege der NS-Rassenpolitik, als Ort, wo Massendemonstrationen zur Verdeutlichung der rassischen Überlegenheit der "Arier" abgehalten wurden, sollte jetzt zur Stadt werden, in der sich für 15 Tage mehr als 7000 Sportler aus 121 Nationen versammeln und wo Brüderlichkeit, Gleichheit und Zusammenhalt als allgemeingültige menschliche Werte herrschen sollten. Die Spiele sollten vom 26. August bis zum 10. September ausgetragen werden.


 

Amerikanische Darstellung der Geschehnisse in München 1972, 2002


Die Teilnahme Israels an den Münchner Spielen 1972 hatte eine deutliche Symbolik. Obwohl zu jener Zeit die offiziellen Kontakte zwischen Israel und der Bundesrepublik entwickelt und in vielen Fällen tiefgehend waren, war das Schreiten einer israelischen Delegation hinter ihrer Nationalflagge auf deutschem Boden, vor den Augen der Welt und live im Fernsehen übertragen eine öffentliche und emotionale Demonstration der Anerkennung des "anderen Deutschland". Die Münchner Spiele waren die erste Olympiade, die im israelischen Fernsehen übertragen wurde, so dass das Echo auf die Teilnahme einer israelischen Sportmannschaft an dem Ereignis in Deutschland  in der israelischen Bevölkerung besonders stark war.

 

Die Deutschen wollten eine "fröhliche Olympiade", die die neue Epoche in ihrem wieder aufgebauten Land wiederspiegeln sollte, in dem nun die Ideale des Friedens und der Völkerverständigung herrschten. Tatsächlich scheint es jedoch, dass diese Intention zur Ignorierung der klaren Hinweise auf geplante Anschläge auf die Spiele durch verschiedene Terrorgruppen führte. Die israelische Delegation wurde in einem an einer Straße gelegenen, ungesicherten Gebäude untergebracht, das zur Straße nur durch den symbolischen Zaun um das olympische Dorf abgetrennt war. Obwohl die israelische Seite auf die unzureichenden Sicherheitsmaßnahmen hingewiesen hatte und trotz der Geheimdienstinformationen, die die deutsche Seite erhalten hatte, sahen sich die Leitung des olympischen Dorfes und das Internationale Olympische Komitee (IOC) nicht veranlasst, die Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen. 

Broschüre des israelischen Außenministeriums mit gesammelten Reaktionen der Weltpresse auf das Attentat, 1972


So geschah es, dass am frühen Morgen des 5. September 1972 palästinensische Terroristen der Organisation "Schwarzer September" den Zaun um das olympische Dorf durchbrachen. Zu Beginn versuchten einige israelische Delegationsmitglieder, sich den Terroristen in den Weg zu stellen. Diese erschossen den Trainer der Ringer, Moshe Weinberg, und warfen seine Leiche aus dem Gebäude. Inzwischen hatten sich die Medien eingefunden und filmten die Vorgänge. Die Terroristen übergaben eine Forderungsliste. Die Polzei stellte eine Gruppe von Beamten in Zivilkleidung zusammen, damit diese in die Wohnung mit den Terroisten und den entführten Sportlern eindringe, doch waren diese Polizisten ohne entsprechende Ausbildung. Wegen der ständigen Lifeaufnahmen im Fernsehen konnten die Terroristen den Polizisten in den TV-Berichten zusehen. Die deutsche Seite nahm Verhandlungen mit den Entführern auf, die mit ihren Opfern nach Kairo fliegen wollten. In den Nachtstunden des 5. September landeten zwei deutsche Helikopter mit acht Entführern und neun gefesselten israelischen Opfern auf dem kleinen Flughafen Fürstenfeldbruck bei München.


Hier begann der desaströse Versuch der deutschen Seite, die Entführten zu befreien. Eine Gruppe von unzureichend trainierten und ausgerüsteten Beamten begann – ohne klare Einsatzpläne – ein Feuergefecht mit den Entführern, das bis kurz vor Mitternacht andauerte. Dabei wurden alle neun Entführte getötet. Fünf der Terroristen starben im Kugelhagel und drei weitere wurden verhaftet. Auch ein deutscher Polizist verlor bei dem Einsatz sein Leben. Am nächsten Morgen beschloss das IOC, die Spiele nach Abhaltung einer Gedenkzeremonie weitergehen zu lassen, die zuvor für 24 Stunden unterbrochen worden waren.  Die israelische Delegation verließ München sofort nach der Zeremonie.

 

Gedenkausgabe einer Briefmarke der israelischen Post zur Erinnerung an 30 Jahre nach dem Attentat, 2002


Der Mord an den israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen 1972 hinterließ in der israelischen Öffentlichkeit eine tiefe Wunde, nicht zuletzt wegen dem Ort der Katastrophe – Deutschland. Im Verlauf der Zeit stellte sich mehr und mehr das Ausmaß der Versäumnisse der deutschen Seite beim Umgang mit der Entführung heraus. Damit nicht genug: offizielle deutsche Stellen hatten sogar zuvor auf die Möglichkeit eines Anschlags bei den Spielen gewarnt. Die verhafteten Terroristen saßen nur kurze Zeit in deutschen Gefängnissen. Offensichtlich hatte die Bundesrepublik mit palästinensischen Terrorgruppen eine Übereinkunft gefunden, um deren Aktionen künftig vom deutschen Staatsgebiet fernzuhalten. Die deutschen Behörden verzichteten auf eine eingehende Untersuchung und schöpften die Möglichkeiten gegen die überlebenden Terroisten nicht aus. Auch ein israelisches Unterstützungsangebot zur Befreiung der Entführten wurde von deutscher Seite ausgeschlagen: Angehörige des Mossad durften nicht mit ihrer Erfahrung bei Verhandlungen mit Terroristen beitragen und auch das Angebot zum Einsatz einer Anti-Terror-Einheit wurde abgelehnt.


Israel bemühte sich bald darauf intensiv, die Drahtzieher des Attentats aufzuspüren, und über einige Jahre hinweg wurden diese auf der ganzen Welt verfolgt. Noch bis 1992 wurden beteiligte Terroristen getötet. Lange darüber hinaus herrschte in Israel eine öffentliche Bedrückung über die als unterkühlt empfundenen Attitüde der Bundesregierung und des Internationalen Olympischen Komitees. Seit 1972 und bis heute lehnt es das IOC ab, als Teil der Olympischen Spiele eine Gedenkveranstaltung für die ermordeteten israelischen Sportler in dem jeweiligen olympischen Dorf abzuhalten. Der Mord an den elf Sportlern in München 1972 belibt ein unauslöschbarres Stigma der deutsch-israelischen Beziehungen, auch aufgrund der Symbolik, die diese Olympiade begleitete und wegen der israelischen Teilnahme an den Spielen.