Der Nürnberger Prozess, 1945-1946

​​Zeitgenössische Reaktion auf den Nürnberger Prozess, London 1954

Zeitgenössische Reaktion auf den Nürnberger Prozess, London 1954

Noch vor Ende des Zweiten Weltkriegs beschlossen die führenden Alliierten (USA, Sowjetunion und Großbritannien) eine Reihe von Maßnahmen für die Nachkriegszeit. Bei den Konferenzen von Teheran, Jalta und – nach Kriegsende – in Potsdam wurde beschlossen, dass nach der Niederringung Deutschlands ein internationaler Gerichtshof eingerichtet werden sollte. Die Alliierten stimmten darin überein, dass es sich dabei um ein internationales Militärtribunal handeln sollte, das mit der Untersuchung und Rechtsprechung der Taten beauftragt würde, die vor und während des Kriegs im Namen Deutschlands verübt worden waren. Dabei sollten vor allem Kriegsverbrechen untersucht werden, Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung und die Vergehen in den Konzentrationslagern. Vor der Einrichtung des Militärtribunals wurde von den drei Hauptalliierten noch Frankreich hinzugezogen und erhielt seinen Platz unter den Richtern (von je einem Land wurden zwei Richter gestellt). Aus mehreren Gründen wurde als Verhandlungsort die Stadt Nürnberg gewählt. Zunächst gab es dort, trotz der großen Zerstörungen, ein nahezu intaktes Gerichtsgebäude, in dem die Verhandlungen mit vielen Beteiligten und Zuschauern abgehalten werden konnten. Daneben existierte ein Gefängnis, in dem man die Angeklagten während des Verfahrens arretieren und sie bei Bedarf leicht in das Gerichtsgebäude überführen konnte. Außerdem bestand in der Abhaltung des Tribunals gerade in dieser Stadt eine große Symbolik, da in ihr doch die „Reichsparteitage"  der NSDAP abgehalten und die Nürnberger Rassegesetze erlassen worden waren.

Vor der Eröffnung des Tribunals mussten jedoch noch die Angeklagten gefasst werden. Schon in den letzten Kriegstagen war klar geworden, dass einige der Nazigrößen nicht mehr am Leben waren: Hitler und Goebbels hatten am 30. April bzw. am 1. Mai Selbstmord begangen. Der Sekretär Hitlers, Martin Bormann, war verschollen (seine sterblichen Überreste wurden erst in den 1970er Jahren in Berlin entdeckt). Andere führende Nationalsozialisten versuchten anfangs unterzutauchen, doch wurden viele von ihnen in den Wochen nach Deutschlands Kapitulation gefasst, einige an verborgenen Plätzen, andere in Kriegsgefangenenlagern, wo sie hofften, sich in der Masse der gefangenen deutschen Soldaten verstecken zu können. Dies versuchte Heinrich Himmler, der Führer der SS, der hoffte, mit einer falschen Identität unentdeckt zu bleiben. Dennoch wurde er von britischen Soldaten erkannt und verhaftet, allerdings gelang es ihm noch vor seiner Vernehmung Slebstmord zu verüben. Rudolf Hess, der stellvertretende NSDAP-Führer, wurde bereits 1941 gefasst, als er eigenmächtig nach England geflogen war, um dort über einen Frieden mit Deutschland zu verhandeln. Die herausragendste Figur, die den Alliierten lebend in die Hände fiel, war aber Hermann Göring. Dieser hatte sich mit seiner Familie und seinem Besitz auf 17 Lastkraftwagen den Amerikanern ergeben.


Ab dem 20. November 1945 saßen 24 führende Nationalsozialisten auf der Anklagebank des Nürnberger Gerichts, die als Haupttäter angesehen wurden. Über sie richteten acht Richter. Der vorsitzende Richter des internationalen Militärtribunals war Sir Geoffrey Lawrence. Jedes Land hatte einen Staatsanwalt entsandt. Im Verlauf der Verhandlung über die Frage der Anschuldigungen stellte sich heraus, dass diese ein größeres Problem darstellte, als vermutet. Zwar gab es keinen Zweifel an der Verantwortung Deutschlands für den Krieg, doch einige der angelasteten Verbrechen wurden de facto auch von einigen alliierten Armeen begangen. So griff auch die Sowjetunion, gemeinsam mit Deutschland, im September 1939 Polen an und exekutierte dort tausende polnische Offiziere in dem Ort Katyn und an weiteren Plätzen. So wie die Deutschen viele Städte europaweit bombardiert hatten, um diese zu zerstören, so taten es als Reaktion darauf auch die Briten und Amerikaner in Deutschland. Um das Gerichtsverfahren in Nürnberg abhalten zu können und seine Legitamtion unzweifelbar sein zu lassen, mussten die internationalen Juristen jegliche Vergleiche dieser Art umgehen und sich auf die Vergehen der Deutschen fokussieren. Darüber hinaus setzten schon seit den ersten Verhandlungstagen die ideologischen Spannungen zwischen der Sowjetunion und den drei Westalliierten ein, die später zum Kalten Krieg führen sollten.

 

Erste Seite der Palestine Post mit Bericht über die Prozesseröffnung, 21.11. 1945

Erste Seite der Palestine Post mit Bericht über die Prozesseröffnung, 21.11. 1945


Die Verhandlungen wurden in unterschiedlichen Sprachen geführt: in Englisch, Französische, Russisch und und in Deutsch. Im Laufe von fast einem Jahr wurden 240 Zeugen vernommen, zahlreiche schriftliche Dokumente vorgelgt und sogar Filmmaterial gezeigt. Das Nürnberger Internationale Militärtribunal war in mehrfacher Hinsicht neuartig: durch die Vielsprachigkeit wurde es ständig von Simultandolmetschern begleitet; die Anklage gründete sich auf der Idee, dass das internationale Gericht über die Verantwortlichen eines bestimmten Landes richten würde, das das internationale Recht gebrochen und der gesamten Menschheit Schaden zugefügt hatte. Die Arbeit des Nürnberger Militärtribunals und die eines ähnlichen Gremiums, das nach Beendigung des Krieges in Fernost tätig war, diensten später als Vorbild für die Aktivitäten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag, der nach den Erfahrungen infolge des Zweiten Weltkriegs  und der Einsicht in seine Notwendigkeit eingerichtet wurde.


Am Schluss des Verfahrens wurden am 30. September und 1. Oktober 1946 zwölf der Angeklagten zum Tode verurteilt, drei wurden freigesprochen und die Übrigen erhielten Haftstrafen zwischen zehn Jahren und lebenslang, die sie im alliierten Gefängnis in Berlin-Spandau verbüßen mussten. Keiner der Angeklagten gestand vor Gericht seine Schuld ein. Am 16. Oktober wuden die Todesurteile vollstreckt. Göring hatte vorher noch einen amerikanischen Soldaten überzeugen können, ihm Gift zu besorgen, so dass er einige Stunden vor der Hinrichtung Selbstmord beging. Der letzte Insasse im Berliner Gefängnis war schließlich Rudolf Hess. Auch dieser setzte 1987 seinem Leben ein Ende, im Alter von 93 Jahren.

 

​Zahlreiche Journalisten berichteten vom Nürnberger Prozess. Unter ihnen waren namenhafte Persönlichkeiten und Schriftsteller, wie etwa Willy Brandt, Alfred Döblin, Ilja Ehrenburg, Ernest Hemmingway, Erich Kästner, John Steinbeck und viele andere. Der Korrespondent für die Tageszeitung „Ha'aretz" war Robert Weltsch, der spätere Direktor des Londoner Leo-Baeck-Instituts. Etwas überraschend hielt Weltsch den Nürnberger Prozess für wenig bedeutungsvoll oder effektiv. In einem in Nürnberg gschriebenen Brief an Martin Buber vom Dezember 1945 führte er auch aus, dass aus seiner Sicht der gesamte Prozess eigentlich nicht sehr interessant sei.
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Einband der deutschsprachigen Protokollbände ​Einband der deutschsprachigen Protokollbände


Der Prozess wurde auf Filmen und Tonmitschnitten dokumentiert und nach seinem Abschluss wurden die Protokolle der Verhandlungen, einschließlich tausender Dokumente, in voluminösen Buchreihen in Englisch, Französisch und in Deutsch publiziert. Der Prozess selbst und die Veröffentlichungen dazu  gaben die Initialzündung für die weitreichenden historischen Forschungen zum „Dritten Reich" und die Verbrechen der Nationalsozialisten.