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Der Schriftsteller Moshe Yaakov Ben Gavriel und die Frage des zukünftigen deutschen Botschafters in Israel, 1963

 

Der Schriftsteller Moshe Yaakov Ben Gavriel (eigentlich: Eugen Hoeflich, 1891-1965) stammte ursprünglich aus Wien. In der ersten Zeit seines Lebens wirkte er in seiner Heimatstadt als Schriftsteller und Herausgeber. Während des Ersten Weltkriegs diente er als österreichischer Offizier und seine Aufgaben führten ihn schließlich nach Jerusalem, wo er seine Neigung zu Palästina und den dort gesprochenen Sprachen entdeckte. Im Jahr 1927 emigrierte er zusammen mit seiner Frau nach Palästina und ließ sich in Jerusalem nieder. Dort arbeitete er vor allem als Journalist und schrieb hauptsächlich für europäische Zeitungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, doch auch für für andere – jüdische und nichtjüdische – Zeitungen in Frankreich, England, den USA, der Tschechoslowakei und in anderen Ländern. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs schränkte seine Publikationsmöglichkeiten merklich ein, da die meisten Zeitungen, für die er geschrieben hatte, von den Nationalsozialisten eingestellt wurden bzw. ihre Richtung komplett änderten und somit für Berichte aus dem Nahen Osten aus der Feder eines jüdischen Journalisten keine Verwendung mehr war.

 


In jenen Tagen begann Ben Gavriel sich schriftstellerisch zu betätigen und verfasste Romane und Kurzgeschichten. In Reaktion auf die Berichte der Annexion Böhmens und Mährens schrieb er das Buch "Das Haus in der Karpfengasse" – vielleicht sein wichtigstes Werk. Darin beschreibt er das Schicksal von jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern eines fiktiven Wohnhauses in Prag während der ersten beiden Wochen nach der Annexion der Tschechoslowakei durch die Nazis im März 1939. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs betätigte sich Ben Gavriel wieder mehr als Journalist, schrieb jedoch weiter Romane, Geschichten und Hörspiele – fast ausnahmslos in Deutsch. Seine Werke wurden auch in Hebräisch veröffentlicht, doch immer als Übersetzungen aus dem Deutschen. Schon in den 1950er Jahren erfreute sich Ben Gavriel großer Popularität gerade in Deutschland. Die meisten seiner Geschichten waren jetzt leicht und humoristisch und vermitteltem den deutschen Lesern Einblicke in die junge israelische Gesellschaft. Diese Art von Literatur fand in Deutschland großen Zuspruch. Wegen des Erfolgs fuhr Ben Gavriel mehrfach nach Deutschland zu Lesereisen vor unterschiedlichem Publikum. Er trat auch im den Rundfunk auf und wurde bald ein geschätzter Gesprächspartner bei deutschen Intellektuiellen und Persönlichkeiten der Kultur. Diese Aktivitäten wie auch seine reiche Korrespondenz verweisen auf die vorsichtigen Kontakte zwischen israelischen und deutschen Kulturschaffenden in den Jahren nach dem Holocaust.


Unter der im Nachlass Ben Gavriels aufbewahrten Korrespondenz in den Sammlungen der Nationalbibliothek finden sich auch Briefwechsel mit Privatpersonen in Deutschland, mit denen die Frage der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten erörtert wurde. Aus diesen Briefen ist ersichtlich, dass Ben Gavriel diese Idee klar unterstützte. Unter anderem tauschte sich Ben Gavriel darüber mit Dr. Franz Schürholz aus, der kulturell sehr interessiert war und sich in den 5oer und 60er Jahren aktiv bei der Annäherung zwischen beiden Ländern einbrachte. Aus der hier gezeigten Briefkopie ist ersichtlich, dass Ben Gavriel Gerüchte über die Besetzung des Postens des deutschen Botschafters gehört hatte und diese ihn nicht zufrieden stellten. Ben Gavriel ging davon aus, dass der Adressat des Briefes, Franz Schürholz, in der Lage war, die Entwicklungen zu beeinflussen und er versuchte, die deutsche Seite vor der Besetzung des delikaten Postens mit einer ungeeigneten Person zu warnen. Es ist unklar, ob dieser Brief seine Absicht erreichte, doch ist es bemerkenswert, dass Ben Gavriel großes Interesse an der Frage der Ernennung des ersten deutschen Botschafters im Staat Israel zeigte.