Marcel Reich-Ranicki und die deutsche Literatur

Wer war Marcel Reich-Ranicki? Sehr wahrscheinlich ist er vielen Israelis unbekannt. In Deutschland hingegen kennen ihn viele, vor allem Literaturfreunde. Reich-Ranicki (1920-2013), in Polen geboren und jüdischer Herkunft, Holocaustüberlebender, galt lange als oberste Instanz der Literaturkritik in Deutschland. Über viele Jahre hinweg wurde sein Name mit dem inoffiziellen Zusatz "Literaturpapst" versehen. Obwohl seine Autobiografie (Mein Leben, 1999) im Jahr 2004 ins Hebräische übersetzt wurde, scheint es angebracht, seine faszinierende Lebensgeschichte und sein öffentliches Wirken als meistgeschätzter Kritiker der deutschen Literatur über einige Jahrzehnte hinweg näher zu beleuchten.

 

Reich-Ranicki wurde in Polen geboren, wuchs und lernte in seinem Geburtsland bis zum neunten Lebensjahr und wurde anschließend zu Verwandten nach Berlin geschickt. Dort lernte er in den letzten Schulen, die trotz des Antisemitismus in Nazi-Deutschland noch auf liberale Prinzipien achteten und konnte die Schule sogar noch mit dem Abitur 1938 beenden. Doch war es ihm als Jude bereits unmöglich, anschließend in einer deutschen Universität zu studieren. Bei der Ausweisung der polnischen Juden aus Deutschland 1938 ("Polenaktion") wurde auch er in sein Geburtsland abgeschoben. In den Jahren des Holocaust war Reich-Ranicki im Warschauer Getto interniert, konnte jedoch, zusammen mit seiner Frau, im letzten Moment dem sicheren Tod entfliehen. Dank der Hilfe, die Reich-Ranicki und seine Frau von einem polnischen Bürger erhielten, konnten beide überleben.


 

 

 

Nach der Befreuiung Polens von den Nazis übernahm Reich-Ranicki Aufgaben im Staatsdienst, doch stieß er im Laufe der Jahre mehr und mehr mit dem kommunistischen Regime zusammen, das zu Beginn der 1950er Jahre durchaus auch antisemitische Züge aufwies. Nach eningen Jahren der Tätigkeit als Lektor für deutsche Literatur bei einem polnischen Verleger und in einer polnischen Radiostation beschloss Reich-Ranicki 1958, aus dem kommunistischen Land zu fliehen und ein neues Leben zu beginnen – in Westdeutschland.

 

Kurze Zeit nachdem er in Westdeutschland angekommen war, fand Reich-Ranicki seinen Aufgabe als Literaturkritiker, zunächst in der Wochenzeitung Die Zeit (1960-1973), dann als Leiter des Feuilletons der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (1973-1988). Bei beiden Zeitungen wurde ihm die freie Wahl der zu besprechenden Bücher bzw. Schriftsteller überlassen. In diesen Funktionen rezensierte Reich-Ranicki zahlreiche Bücher und stellte insbesondere jüngere deutsche Schriftsteller in den Vordergrund, die den literarischen Stil im Nachkriegsdeutschland deutlich verändert hatten, wie z.B. Wolfgang Köppen, Thomas Bernhard und Heinrich Böll. Zwischen 1988 und 2001 moderierte Reich-Ranicki das Fernsehprogramm "Das literarische Quartett", in dem er Schriftsteller und deren Werke vorstellte und mit anderen Experten diskutierte. Auf diese Weise brachte er neue Werke einer breiten Öffentlichkeit nahe und sicherte der Literatur einen prominenten Platz im öffentlichen Gespräch. Das Fernsehprogramm war außerordentlich populär und bewies, dass kulturelle Inhalte mit hohem Niveau sehr wohl über das Fernsehen einer breiten Öffentlichkeit nahe gebracht werden können. Die Ansichten Reich-Ranickis wurden nicht in allen Fällen durch die Autoren und die Leser bestätigt, doch beeinflussten sie in hohem Maße den Erfolg von Büchern und Schriftstellern. Zusätzlich zu diesen Tätigkeiten veröffentlichte Reich-Ranicki literarische Anthologien in Form eines "Kanon", worin er das aus seiner Sicht Beste der deutschen Literaturgeschichte für eine breite Leserschaft zusammenstellte.

 

Marcel Reich-Ranicki besuchte Israel mehrere Male und war mit wichtigen Persönlichkeiten der israelischen Geisteswelt in Kontakt, zum Beispiel mit dem Mystikforscher Geschom Scholem. Im Nachlass von Scholem, der in der Israelischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird, gibt es eine Reihe von Briefen, die der Literaturexperte an seinen Bekannten in jerusalem sandte. In einem Brief aus dem Jahr 1967 lud Reich-Ranicki Gerschom Scholem ein, einen Beitrag über das Leben und Werk Heinrich Bölls zu verfassen (der später den Literatur-Nobelpreis erhielt). Reich-Ranicki beabsichtigte, eine Aufsatzsammlung über den von ihm sehr geschätzten Schriftsteller herauszugeben und hielt es für wichtig, auch einen Beitrag von Scholem dafür zu erhalten. Es wäre interessant zu wissen, warum es dem Herausgeber der Beiträge über Böll so wichtig war, auch die Meinung des Mystikforschers einzuholen, doch scheint es dafür bislang keine triftige Antwort zu geben. Es scheint jedoch, dass auch Gerschom Scholem sich mit dieser Frage beschäftigte bevor er schließlich ablehnte. Das Werk erschien ein Jahr darauf, doch ohne einen Beitrag des Jerusalemer Forschers.