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Unter dem Auge des "Großen Bruders" – Kontakte zwischen den kommunistischen Parteien Israels und der DDR

Kopie eines Briefes, der von der Kommunistischen Partei Israels an die Bruderpartei in der DDR geschickt wurde

Kopie eines Briefes, der von der Kommunistischen Partei Israels an die Bruderpartei in der DDR geschickt wurde, 1960

Im Gegensatz zu den offiziellen und inoffiziellen Kontakten zwischen Israel und der Bundesrepublik, die sich seit dem Wiedergutmachungabkommen in den 1950er Jahren entwickelt hatten, bildeten sich keine Verbindungen zwischen dem östlichen Teil Deutschlands und dem jüdischen Staat heraus. Anscheinend war dies jedoch nicht einseitig begründet: neben der begründeten Furcht der DDR-Führung vor Kontakten zu Israel, die zwangsläufig in Entschädigungsforderungen gemündet hätten (tatsächlich wurde ein solches Schreiben an die Staatsführung der DDR gerichtet, blieb jedoch unbeantwortet), wusste auch die israelische Seite, dass jede Verbindung mit dem kommunistischen Deutschland die Kontakte zur Bundesrepublik beeinträchtigt hätten. Die Regierung der Bundesrepublik agierte damals gemäß der "Hallstein-Doktrin", die jeden offiziellen Kontakt zur DDR und mit ihr in Verbindung stehenden Seiten untersagte.

Trotz des Schweigens zwischen beiden Staaten bis 1990 gab es Kontakte zwischen der sozialistisch-kommunistischen Regierungspartei in der DDR (SED) und der Kommunistischen Partei Israels, und nach deren Aufspaltung im Juni 1965 zur "Neuen Kommunistischen Liste". In den Beständen der Archivabteilung in der Israelischen Nationalbibliothek finden sich auch Teile der schriftlichen Überlieferung dieser Partei, die einige Briefe und Briefkopien enthalten, die den Kontakt zwischen den Parteien bezeugen, die sich als Bruderparteien in ihrem "antiimperialistischen" Kampf sahen. Die vom Zentralkomitee (ZK) der SED erhaltenen Schreiben wurden in Deutsch formuliert, während die Briefe der israelischen Partei häufig in Englisch geschrieben wurden, jedoch auch in Deutsch. Die meisten Briefe aus der DDR finden sich in Korrespondenzakten und sind vom Ersten Sekretär des ZK der SED, zugleich dem Staatschef selbst unterzeichnet: Walter Ulbricht.


Die Schreiben aus den 1960er und 1970er Jahren behandeln verschiedene Themen: Meist handelt es sich um gegenseitige Grußadressen zu Parteitagen, zu Jahrestagen der DDR und um lange Zusammenfassungen über die Politik der Sowjetunion im Rahmen des Ostblocks, die sich in Lobpreisungen der Sowjetideologie ergehen und die Taten des westlichen Imperialismus verurteilen. Der Umstand, dass Walter Ulbricht die Briefe selbst unterzeichnete, verdeutlichen die Wichtigkeit, die er den Schreiebn an die israelischen Genossen beimaß. Hierbei muss der historische Kontext berücksichtigt werden: jene Zeit war die hitzigste Periode des Kalten Kriegs, in der die Welt kurz vor dem Ausbruch eines Atomkriegs zwischen den Großmächten stand. Zur selben Zeit wurde auch die deutsche Teilung mit dem Bau der Mauer im August 1961 betoniert. Daher ist es verständlich, dass die Ostberliner Parteiführung alle Mittel ergriff, um die Reihen gegenüber dem feindlichen Kapitalismus zu schließen.

 

Antwortschreiben von Walter Ulbricht an das Zentralkomitee der Kommunitischen Partei Israels 

Antwortschreiben von Walter Ulbricht an das Zentralkomitee der Kommunitischen Partei Israels, in dem er der Bitte der israelischen Partei um die Aufnahme "progressiver" Studenten zustimmt, aber auch fragte, welche Fächer die fünf israelischen Studenten in der DDR studieren sollten.


Andere Themen, die in der Korrespondenz zwischen den Parteien zur Sprache kamen, waren der Abgleich von Informationen über Kommunisten, die von Israel in die DDR übersiedelten bzw. von dort nach Israel, die Bitte um Lieferung von ideologischen Lehrmaterialien aus der DDR und sogar der Wunsch nach Bereitstellung einer Druckmaschine für den Druck von arabischsprachigen Zeitungen. Im April 1960 wandte sich die israelisch Partei an die deutsche Bruderpartei mit der Bitte um die Annahme von fünf "progressiven" israelischen Studenten zum Studium in der DDR. Der Erste Sekretär der SED, Walter Ulbricht, beantwortete diese Bitte positiv und bewilligte die Aufnahme von fünf Studenten in Universitäten und Fachhochschulen seines Landes, jedoch unter der Bedingung, dass diese bereits über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen sollten. Er fügte auch hinzu, dass die Angelegenheit vorläufig nicht weiter publik gemacht werden sollte, da dies der politischen Situation zum selben Zeitpunkt nicht angemessen sei. In den Korrespondenzakten gibt es einige weitere Schriftstücke zu dieser Angelegenheit, doch wird nicht völlig klar, ob das Vorhaben in die Tat umgesetzt wurde. Es ist klar, dass die Unterbringung von israelischen Studenten in der DDR generell, jedoch speziell im Jahr 1960 kein gewöhnlicher Schritt war. Dass Ulbricht die Sache selbst in die Hand nahme, die andernfalls kaum auf dem Tisch des Staatschefs gelandet wäre, veranschaulicht die Bedeutung, die die Funktionäre diesem Schritt beimaßen. Allerdings geht aus den Korrespondenzakten der Kommunistischen Partei Israels hervor, dass sich diese gleichzeitig auch an andere Ostblockstaaten in der selben Angelegenheit wandte. Möglicherweise ließen sich in diesen Fällen die Formalia leichter bewerkstelligen, da Israel zu allen Staaten des kommunistischen Lagers bis zum Sechs-Tage-Krieg diplomatische Beziehungen unterhielt, nur nicht zur DDR.