Collections > Archives > Germany, the Jews and Israel > Deutschland, Juden und Israel > Die Teilung Deutschlands > Zwischen Regierungen und Krisen: Memoiren der Botschafter

Zwischen Regierungen und Krisen: Memoiren der Botschafter

Asher Ben-Natans Erinnerungen an seine Zeit als erster Botschafter in Bonn

Asher Ben-Natans Erinnerungen an seine Zeit als erster Botschafter in Bonn

Seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland 1965 fungierten zahlreiche Personen als Botschafter ihrer Länder in Tel Aviv, Bonn und später in Berlin. Aufgrund der besonderen Beziehungen zwischen beiden Staaten gehörten die Positionen eines deutschen Botschafters in Israel und die des israelischen Botschafters in der Bundesrepublik zu den anspruchsvollsten in beiden Außenministerien. Man kann davon ausgehen, dass die Botschafter – bislang waren dies nur Männer – sich der besonderen Anforderungen für das Amt des offiziellen Vertreters beim jeweils anderen Staat bewusst waren: hohe Fähigkeiten in der Kunst der Diplomatie, Wahrung der nationalen Interessen, Verständnis für die Positionen der anderen Seite und die richtige Einschätzung des Machbaren. Unter den in den vergangenen 50 Jahrem amtierenden Botschaftern waren solche, die sich in ihren Positionen auszeichneten und sogar einige Popularität im jeweiligen Gastland erlangten. Die politischen Zeile beider Seiten waren auf den ersten Blick identisch – die Verbesserung der Beziehungen zum jeweils anderen Land unter Wahrung der eigenen Interessen. Jedoch war dieses eigene Interesse in beiden Statten auf unterschiedliche Weise definiert, was auf die belastete Geschichte aus der Zeit des Holocaust zurückgeht, die die Beziehungen zwischen beiden Ländern ständig begleitete und noch immer begleitet. Die westdeutsche Öffentlichkeit erwartete eine baldige "Normalisierung" der Kontakte zwischen Deutschen und Juden, was sich häufig nur schwer von einer gewissen Tendenz der Vertuschung und Verdrängung der historischen Schuld unterscheiden ließ. Demgegenüber waren große Teile der israelischen Bevölkerung gegen diese Entwickung und sogar gegen jegliche Beziehungen zwischen beiden Staaten und fürchteten, dass dies zum Vergessen der Schuld und der Opfer führen würde. Die offiziellen Vertreter Israels konnten diese Stimmung nicht ignorieren und erwarteten eine Klärung in Bezug auf die kollektive und persönliche Schuld von Deutschland und den Deutschen , waren jedoch auch daran interessiert, die Beziehungen zur Bundesrepublik voranzutreiben, da diese wesentlich für die staatliche und wirtschaftliche Entwicklung Israels waren.

Die Erinnerungen von Yohanan Meroz in Deutsch von 1986In den ersten Jahren der Beziehungen waren die Amtszeiten der deutschen Botschafter in Israel von Demonstrationen und öffentlicher Ablehnung begleitet. Es ist überliefert, dass die Fahrt zum Antrittsbesuch des ersten deutschen Vertreters in Israel, Rolf Pauls, im Jahr 1965 von schrillen Rufen und sogar von gewalttätigen Übergriffen begleitet war. Auch Klaus Schütz, der zwischen 1977 und 1981 an der Spitze der Botschaft stand, hörte bei seinem Antrittsbesuch im Haus des Staatspräsidenten in Jerusalem noch die Pfiffe von der Straße während des Spielens der deutschen Nationalhymne. Auch Asher Ben-Natan, Israels erster Botschafter in Bonn, traf im Jahr 1965 ebenfalls eine große Menge Menschen bei seiner Landung auf dem Kölner Flughafen an, doch erhob diese keine schrillen Rufe. Allerdings waren die zahlreichen Menschen und Journalisten darauf begierig , den offiziellen Vertreter des jüdischen Staates in Deutschland zu sehen und seine ersten Worte in dieser Funktion zu hören. Die Botschafter und die übrigen Angehörigen der jeweiligen Botschaften wurden Zeugen einer Folge von kritischen Momenten, die die Beziehungen bedrohten und waren an der Findung von Lösungen in Krisenzeiten beteiligt: deutsche Waffenlieferungen in die Staaten des Nahen Ostens, der Sechs-Tage-Krieg 1967, das Attentat auf die israelischen Sportler während der Olympischen Spiele in München 1972, der Jom-Kippur-Krieg 1973, Entführungen israelischer und deutscher Flugzeuge in den Tagen des linksextremen Terrors in den 1970er Jahren, der Libanon-Krieg 1982, der Fall der Berliner Mauer und die deutsche Wiedervereinigung 1989/90.


Die komplexe Ausgangslage für die Botschafter zwischen Schuld, Verantwortung und Streben nach "normalen Beziehungen" und der allgemeine historische Hintergrund lieferten interessante Aspekte in ausreichender Anzahl, um mit Recht persönliche Erinnerungen zu Papier zu bringen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass es eine ansehnliche Reihe Botschafter-Memoiren von beiden Seiten und sogar einen Band mit kürzeren Erinnerungen von Gesandten beider Seiten aus den vergangenen Jahrzehnten gibt. Der erste aus dieser Gruppe, der über seine Aktivitäten zwischen Israel und Deutschland berichtete, war Felix Shinnar, der die "Israel-Mission" zur Abwicklung der Wiedergutmachungsleistungen leitete, die bald nach der Unterzeichnung des entsprechenden Luxemburger Abkommens 1952 ihre Arbeit aufnahm. Shinnar leitete dieses Büro bis zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen und trug einiges zur Verbesserung der Beziehungen bei. Seine Memoiren erschienen bereits 1967 gleichzeitig in Hebräisch und in Deutsch. Asher Ben-Natan, der erste israelische Botschafter in der Bundesrepublik ab 1965, veröffentlichte sein Buch "Die Chuzpe zu leben" zuerst in Hebräisch 2002 und ein Jahr später auch in Deutsch. In dieser Autobiografie sind auch einige Kapitel über seine Tätigkeit als Botschafter zu finden, die 2005 noch einmal als gesondertes Buch erschienen, jedoch nur in Deutsch. Der erste Botschafter aus Deutschland, der sich zu diesem Thema schriftlich äußerte, war Klaus Schütz. Noch vor seiner Ernennung 1977 war Schütz Regierender Bürgermeister von (West-)Berlin gewesen und durch diese Aufgabe zweifellos in der Meisterung delikater Situationen geschult. Sein Buch erschien 1992 nur in Deutsch. Die Erinnerungen an seine Tage als Botschafter fallen dort recht kurz aus und vielleicht wurde das Buch aus diesem Grund nie ins Hebräische übersetzt. Ein anderer israelischer Botschafter, Yohanan Meroz, fungierte als Gesandter seines Staates in Bonn zwischen 1974 und 1981. Er publizierte seine Erinnerungen an diese Jahre 1986 in Deutsch unter dem Titel: "In schwieriger Mission" und zwei Jahre darauf in Hebräisch. Meroz hielt sich in Bonn in für die westdeutsche Gesellschaft schweren Jahren auf, als die extremistischen Handlungen linker Terroristen – in Kooperation mit palästinensischen Aktivisten – das Land in Atem hielten, was für das Buch von Meroz einen bemerkenswerten historischen Hintergrund lieferte. Niels Hansen, der der deutsche Botschafter in Israel zwischen 1981 und 1985 war, verfasste eine Dokumentation, in deren Fokus nicht seine eigenen Erinnerungen stehen, sondern die Beziehungen zwischen beiden Staaten in der Ära Konrad Adenauer – David Ben Gurion. Damit gleicht dieses umfangreiche Buch inhaltlich dem ersten hier erwähnten von Shinnar.

 

Titelblatt der Memoiren von Felix Shinnar, 1967 

Titelblatt der Memoiren von Felix Shinnar, 1967


Die Sammlung von Beiträgen aus dem Jahr 2005 bündelt weitere Texte zum Thema. Hier lassen sich auch Beiträge von anderen Botschaftern finden, die keine gesonderten Erinnerungen an ihre Zeit im jeweiligen auswärtigen Dienst herausgaben: Rolf Pauls, Eljashiv Ben-Horin, Jesco von Puttkamer, Benjamin Navon und andere. Jedoch erschien dieses Buch nur in Deutsch. Generell kann gesagt werden, dass alle hier genannten Werke in Deutsch erschienen, jedoch in Hebräisch nur die Bücher von Shinnar, Ben-Natan und Meroz zu lesen sind. Auch die Erinnerungen von Avi Primor, der dann als isaelischer Botschafter schon im vereinten Deutschland seinen Dienst leistete, erschienen nie in Hebräisch. Es hat den Anschein, dass Bücher zu diesem Thema eher in Deutschland eine Leserschaft fanden – wenigstens nach der Einschätzung einiger der Verfasser und der israelischen Verlage.