Collections > Archives > Germany, the Jews and Israel > Deutschland, Juden und Israel > Die Teilung Deutschlands > Jenseits des "Eisernen Vorhangs": Die DDR und der Mauerfall

Jenseits des "Eisernen Vorhangs": Die DDR und der Mauerfall

Buch über die Ereignisse vom November 1989 mit Texten in drei Sprachen, erschienen 1990 in Berlin Offizielle und geschönte Selbstdarstellung der DDR zur Verbreitung im Ausland, 1986
Buch über die Ereignisse vom November 1989 mit Texten in drei Sprachen, erschienen 1990 in Berlin​

Offizielle und geschönte Selbstdarstellung der DDR zur Verbreitung im Ausland, 1986

 

Infolge des Siegs der Alliierten über Deutschland im Zweiten Weltkrieg wurde das Land faktisch geteilt und am 7. Oktober 1949 in der sowjetischen Besatzungszone die "Deutsche Demokratische Republik" als selbständiger Staat gegründet. Einige Wochen zuvor war im westlichen Teil Deutschlands die Bundesrepublik gegründet worden. Anfangs war es nur eine kleine Gruppe von Ländern, die den ostdeutschen Staat mit seinen 17 Millionen Einwohnern anerkannte. Dabei handelte es sich vor allem um solche Länder, die unter direkter Kontrolle der Sowjetregierung in Moskau standen. Obwohl sich der neue Staat offiziell die Demokratie auf seine Fahnen geschrieben hatte (und auch in den Staatsnamen), war dies doch eine reichlich begrenzte Form der Demokratie: Die führende Rolle der sozialistischen Einheitspartei stand nie zur Disposition. Die militärischen Kräfte der Sowjetunion, die im Umfang von ca. 350.000 bis zu einer Million Soldaten auf dem Territorium der DDR stationiert waren, stellten nicht nur den westlichsten militärischen Vorposten der Sowjetunion in Europa dar, sondern waren auch ein Druckmittel zur Bewahrung des status quo: die Sicherung der Zugehörigkeit Ostdeutschlands zum kommunistischen Block bis 1989. Die sowjetischen Einheiten unterdrückten mit ganzer Kraft den Volksaufstand in der DDR gegen das kommunistische Regime im Juni 1953. Nach diesem gescheiterten Aufstand herrschte im Land eine gespannte Ruhe, die mit eiserner Hand aufrecht erhalten wurde.

Ein weiterer Ausdruck für die baldige Unzufriedenheit vieler Bürger mit der Diktatur im östlichen Teil Deutschlands war die anhaltende Massenflucht in den Westen, die bis Mitte August 1961 anhielt. In einer plötzlichen Aktion – doch nicht völlig überraschend – errichteten zu jener Zeit militärische und Polizeikräfte eine Mauer rings um Westberlin und an Teilen der innerdeutschen Grenze, um die fortdauernde Flucht von Menschen aus dem Osten in den Westen zu unterbinden. Diese Grenze stellte auch die Trennlinie zwischen den beiden politischen Blöcken jener Zeit dar, was schließlich zu einer großen Militärkonzentration auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs" führte, einschließlich atomarer Bewaffnung auf sowjetischer und amerikanischer Seite.


Nach dem Mauerbau war die Bevölkerung der DDR de facto im eigenen Land eingesperrt. Auslandsreisen waren fast nur innerhalb des kommunistischen Blocks möglich. Trotzdem gaben sich viele damit nicht zufrieden und versuchten, die Grenze zu überwinden. Einige hatten damit Erfolg, doch mehr als 200 Menschen zahlten für den versuchten Weg in die Freiheit mit ihrem Leben. Die politische Führung handelte nach den Richtlinien der kommunistischen Führer in der Sowjetunion und versuchte mit allen Mitteln die Bürger im Sinne der russisch-sowjetischen Vorgaben zu beeinflussen. Die Medien arbeiteten unter strenger Zensur, die Literatur und überhaupt jegliche Form von Veröffentlichung mussten den Richtlinien der Regierungspartei entsprechen. Regimegegner standen unter Beobachtung der Geheimpolizei, der "StaSi", die umfangreiche Archive mit Informationen über Millionen Bürger anhäufte (und die noch immer existieren).

 

​Gemäß der offiziellen Ideologie lebten die Bürger der DDR nach den Grundsätzen des Humanismus, einer der Gründe, warum eine tiefere Beschäftigung mit der finsteren Vergangeneheit Deutschlands bis 1945 nicht erfolgte. Nach Ansicht der kommunistischen Führung lebten die alten und neuen Nazis in Westdeutschland, während das sozialistisch-kommunistische Wesen Ostdeutschlands die dortige Gesellschaft von jeglicher Beschäftigung oder gar Verantwortung freisprach. Im offiziellen historischen Narrativ wurden die jüdischen Opfer zwar erwähnt, doch nahmen sie nach den verfolgten Kommunisten nur den zweiten Platz ein. Allerdings hat es den Anschein, dass diese Konstruktion der Geschichte bei großen Teilen der Bevölkerung Anklang fand, da sie den schmerzhaften Weg der Verantwortlichkeit für den Holocaust und die Anerkennung der Verbrechen erübrigte, die durch Deutsche verübt worden waren, von denen schließlich auch in Ostdeutschland viele lebten. Von dieser Position nahm auch die ablehnende Haltung der Staatsführung gegenüber jüdischen Organisationen und dem Staat Israel ihren Ausgang, die bis kurz vor dem Ende der DDR 1989/90 anhielt. ​​ ​Broschüre mit den Ansprachen der Gedenkveranstaltung in der Volkskammer am 9. November 1988

Broschüre mit den Ansprachen der Gedenkveranstaltung in der Volkskammer am 9. November 1988

 

 

 


 

 

 


Die weltpolitische Entspannung in den 1970er Jahren und die neue Ostpolitik der Bundesregierung in jener Zeit führten zu einer gewissen Lockerung der Situation in der DDR. Zahlreiche Staaten erkannten dieses Land an, die politische Führung gab den strengen Stalilnismus auf und versuchte, den Lebensstandard der Bevölkerung zu verbessern. Diese Sozialpolitik hatte ihren Preis, den die sozialistische Planwirtschaft auf die Dauer nicht zahlen konnte. Die Wirtschaftskraft der DDR – zwar unter den stärksten im kommunistischen Block, doch schwach im Vergleich zu westlichen Staaten – nahm kontinuierlich ab und die Bürger konnten mit dem von ihnen verdienten Geld nicht viel erwerben. Private Beziehungen zu Quellen für seltene und begehrte Produkte waren für die meisten Einwohner des Landes von großer Wichtigkeit. Diese Realität stand im Gegensatz zur Ideologie, die die kommunistische Gesellschaft in ihrer angeblichen Überlegenheit über den Kapitalismus pries. Jedoch konsumierten Millionen von DDR-Bürgern westliche Fernseh- und Radioprogramme und machten sich zusehends ein Bild von der wahren Lage, die in Bezug auf ihre eigenen Lebensbedingungen genau das Gegenteil des offiziellen Scheinbildes darstellte.  Die politische Führung griff angesichts der Situation bald zu opportunistischen Mitteln. Eines davon war die plötzliche Annäherung an jüdische Themen. Im November 1988 hielt die „Volkskammer", das DDR-Parlament, eine Gedenkveranstaltung zur „Kristallnacht" ab und gründete ein Institut für die Geschichte des Judentums, das „Centrum Judaicum" im Gebäude der Neuen Synagoge in Berlin. Über die „jüdischen Kanäle" hoffte die Staatsführung auf bessere Kontakte zur US-Regierung – um so wirtschaftliche Erleichterungen herbeizuführen.

 

Programm der Gedenkfeier in der Volkskammer in Deutsch und (fehlerhaftem) Hebräisch 

Programm der Gedenkfeier in der Volkskammer in Deutsch und (fehlerhaftem) Hebräisch


Seit den 1980er Jahren wurden von zweifelnden Bürgern  verstärkt Dissidentengruppen gebildet, vor allem im Umkreis protestantischer Kirchengemeinden. Die StaSi versuchte, diese zu infiltrieren und ihre Ausbreitung einzudämmen, doch wurde in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts die Dynamik unumkehrbar. Immer mehr Bürger stellten offizielle Ausreiseanträge, andere versuchten, über die Länder des Ostblocks in den Westen zu fliehen und im Herbst 1989 versammelten sich bereits Hunderttausende zu Demonstrationen gegen das Regime. Die politische Führung, die sich aus greisen Kadern ohne Verständnis für die Veränderungen der Zeit zusammensetzte, fand auf die Forderungen der Demonstarnten keine passenden Antworten und brach im Oktober 1989 schließlich unter dem öffentlichen Druck zusammen. Im Gegensatz zu 1953 griff dieses Mal die die Führung in Moskau unter Michail Gorbatschow, der bereits zuvor die politische Lockerung der Perestroika eingeläutet hatte, nicht in das Geschehen ein.


Bei der Dynamik der Ereignisse war schließlich die Öffnung der Grenzen am 9. November 1989 nur noch folgerichtig. Während einer Pressekonferenz zu anderen Themen verkündete ein führendes Politbüromitglied überaschend die Regierungsentscheidung, wonach die Bürger der DDR frei in jedes Land der Welt reisen durften. Als Reaktion darauf versammelten sich bald Tausende vor den Berliner Grenzübergängen und forderten deren Öffnung. Schließlich gaben die Grenzschützer nach und öffneten die Tore zum Westen. Die Grenzöffnung veränderte bald die Dynamik der „Friedlichen Revolution": Ab dem 9. November forderte eine steigende Zahl von Demonstranten die Vereinigung mit der Bundesrepublik, statt weiter auf gesellschaftliche Veränderungen in der DDR zu bestehen. Die Vereinigung wurde schließlich nach Verhandlungen mit den ehemaligen Alliierten (USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich) am 3. Oktober 1990 erreicht.