Die "Deutsche Kulturwoche" in Israel, 1971

תכנייה ל"שבוע התרבות הגרמנית", 1971
Programmheft zur "Deutschen Kulturwoche" 1971
Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik mussten die Verbindungen durch beide Seiten über die ausschließlich politischen und wirtschaftlichen Aspekte hinaus mit Leben gefüllt werden. Ein gangbarer Weg dafür war die Entwicklung kultureller Beziehungen. Als einer der ersten Schritte wurde die "Israel-Woche" im März 1969 in Stuttgart organisiert, während der eine Reihe von Veranstaltungen unter Beteiligung israelischer Kulturschaffender stattfand. So hielt beispielsweise der Philosoph Ernst Simon einen Vortrag, eine Gruppe musizierender Schüler aus dem Talma-Yellin-Gymnasium in Tel Aviv gab einige Konzerte und die Stuttgarter Stadtbibliothek organisierte eine Buchausstellung aus ihren eigenen Beständen, bei der viele Bücher mit Bezügen zum Judentum, zu Israel und auch Bücher israelischer Autoren gezeigt wurden. Es hat den Anschein, dass die Organisatoren – unter ihnen die israelische Botschaft in Deutschland – prüfen wollten, inwiefern die Darstelluing der israelischen Kultur in einer deutschen Großstadt möglich war. Die Briefe des Stuttgarter Oberbürgermeisters an Prof. Simon belegen, dass die Veranstaltugen offenbar erfolgreich abliefen.

Zwei Jahre danach, im  November 1971, wurde nach Abstimmung mit dem Büro der Ministerpräsidentin in den drei großen Städten Israels, Haifa, Tel Aviv und Jerusalem die "Deutsche Kuturwoche" organisiert. Eigentlich dauerten die Veranstaltungen sogar zwei Wochen an. Das Programm beinhaltete eine Ausstellung über das Leben und das Werk Heinrich Heines, dem bekannten deutsch-jüdischen Dichter, der für viele aus Deutschland stammende Israelis eine kulturelle Leitfigur darstellte, wie auch eine Ausstellung mit Werken der deutschen Künstlerin Käthe Kollwitz. Als Eröffnungsveranstaltung diente ein Konzert des Israelischen Philharmonischen Orchesters. Zusätzlich dazu traten einige Solisten aus Deutschland in den drei Städten auf, weiter sprach wieder Prof. Ernst Simon und schließlich sollten auch drei Literaturabende unter Mitwirkung des deutschen Schriftstellers Günther Grass stattfinden. Dessen Werke lagen bereits in hebräischer Übersetzung vor, so dass er den israelischen Lesern ein Begriff war. Die Kollwitz-Ausstellung und die Literaturabende mit Grass wurden sicher durch die linksgerichtete Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt möglich: beide Künstler standen politisch links. Schließlich gastierte auch das Berliner Schiller-Theater auf Bühnen in Haifa, Tel Aviv und Jerusalem und spielte "Emilia Galotti" von Gotthold Ephraim Lessing und "Glückliche Tage" von Samuel Beckett.


כתבה בעיתון "דבר" מה-18/11/1971 על המפגש בין גינטר גראס ובין מזכ"ל ההסתדרות יצחק בן-אהרון 

Zeitungsartikel über das Zusammentreffen von Günther Grass mit dem Generalsekretär der israelischen Gewerkschaften, Yitzhak Ben-Aharon in der Tageszeitung "Davar", 18.11.1971


Die Reaktionen des israelischen Publikums auf die Veranstaltungen waren gemischt. Besonders der Besuch von Günther Grass stieß auf ein breites Medieninteresse. Die Zeitungen berichteten über seine linksgerichtete politische Haltung, über seine Treffen und Gespräche in Israel, u.a. mit der Ministerpräsidentin Golda Meir und dem damaligen Gewerkschafts-Generalsekretär Yitzhak Ben-Aharon. Dieser verurteilte die Demonstrationen einiger Israelis gegen Veranstaltungen mit Grass, sprach aber auch das aus seiner Sicht "armselige" Timing der Kulturwoche an: die Veranstaltungen fanden an einer Reihe von Tagen statt, die auch den 9. November mit einschlossen, den Tag, an dem 1938 in Deutschland der allgemeine Pogrom gegen jüdische Einrichtungen und Geschäfte stattfand. In zeitgenössischen Berichten wird über Demonstrationen der rechtsorientierten Beitar-Gruppierung gegen die Kulturwoche im Allgemeinen gesprochen, da nach Ansicht der Aktivisten diese "das Vergessen" an den Holocaustverbrechen "fördern" würde. Die Terminplanung war in der Tat unglücklich und zeigt, dass den deutschen Organisatoren noch das Gefühl für solche derart dunklen Daten fehlte. Jedoch hatten offenbar auch die Mitarbeiter der Stadtverwaltungen in Haifa und Jerusalem die Problematik des Datums nicht realisiert und ermöglichten das Abhalten von Veranstaltungen an diesem heiklen Tag. Der Leseabend mit Grass im Kanada-Hörsaal der Hebräischen Universität Givat Ram wurde von lautstarkem Rufen einiger Beitar-Aktivisten begleitet. Im Verlauf von 90 Minuten stritten die Verteter der Beitar-Jugend mit denen der "Jekkes" (die deutschsprachigen Einwanderer), unter ihnen Schalom Ben-Chorin, und der ehemalige Direktor der Nationalbibliothek, Curt Wormann. Auch der Jerusalemer Bürgermeister Tedi Kolek konnte die Gemüter nicht beruhigen. Schließlich schlug Grass vor, den Charakter der Veranstaltung von einer Lesung zu einer Diskussion zu ändern, woauf sich die Aktivisten einließen. Ein weiterer Abend mit Grass in Haifa verlief jedoch ohne jegliche Störungen.


Auch vor und während anderer Veranstaltungen traten ideologisch ausgerichtete Aktivisten auf: vor dem Eröffnungskonzert sollten der Tel Aviver Bürgermeister, Jehoshua Rabinowitz und der damalige deutsche Botschafter, Jesco von Puttkamer sprechen. Kurz vor diesem Tag wurden jedoch kritische Stimmen gegen die Abhaltung der Kulturwoche laut, so dass der Bürgermeister es vorzog, auf seine Ansprache zu verzichten und bald darauf sagte auch der Botschafter seinen Auftritt ab. Die Vorführung der "Emilia Galotti" in den Binyanei Ha'uma in Jerusalem musste mehrfach unterbrochen werden, nachdem Teile des Publikums die Schauspieler durch lautstarke Rufe unterbrochen hatten. Die Vorfälle während einer Veranstaltungen im Rahmen der "Deutschen Kulturwoche" verdeutlichten, wie problematisch noch vor 40 Jahren das Zusammentreffen zwischen deutschen Kulturschaffenden und der israelischen Öffentlichkeit war. Die Erinnerungen an die Zeit des Holocaust waren noch sehr frisch und Teile der israelischen Bevölkerung lehnten die Aufnahme von Beziehungen zu Deutschland weiter ab. Andererseits zogen diese Veranstaltungen durchaus ein gewisses Publikum an, so dass ein eindeutiges Urteil über Erfolg oder Misserfolg der "Deutschen Kulturwoche" nicht gefällt wrden kann. Das Gesamtbild dieser Tage im November 1971 veranschaulicht die damals komplizierte Situation in den Beziehungen der beiden Gesellschaften und Staaten zwischen Anziehung und Ablehnung.


 

Ankündigung des Eröffnungskonzerts mit dem Israelischen Philharmonischen Orchester in Tel Aviv, hier noch mit den geplanten Ansprachen des Tel Aviver Oberbürgermeisters und des deutschen Botschafters sowie Ankündigung zur Heine-Ausstellung