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Erich Kästners Gedichte in Hebräisch, 1965

​Über Jahrzehnte hinweg war der deutsche Schriftsteller Erich Kästner (1899-1974) einer der bekanntesten Autoren in deutscher Sprache in Israel. Sein internationaler Ruhm – seine Kinderbücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt – reichte auch bis nach Israel. Seine Bücher "Das doppelte Lottchen", "Pünktchen und Anton", "Der 35. Mai" und andere begeisterten eine große Leserschaft, auch junge und alte Leser in Hebräisch. Wegen der gewissen Abneigung gegen mit Deutschland verbundene Details wurden in den meisten frühen Übersetzungen ins Hebräische sowohl die Namen der Romanfiguren wie auch die von Orten gegen andere oder gar gegen hebräische ausgetauscht. Erst die modernen Übersetzungen von Michael Dak verwenden wieder die originalen Namen und Orte.

In den Jahren der Weimarer Republik war Erich Kästner als Journalist tätig, verfasste aber auch Lyrik und Prosa (so z.B. das Romanfragment "Fabian"). Seine Werke wurden 1933 bei den Bücherverbrennungen der Nazis verbrannt, die unliebsame Bücher oder solche von jüdischen Autoren bannten und vernichteten. Trotz der politischen Situation blieb Kästner in der gesamten Zeit des "Dritten Reichs" in Deutschland, ließ seine Bücher aber nur in der Schweiz veröffentlichen. Die Nazis ließen ihn mehrfach verhaften und verboten ihm 1943 jegliche weitere Veröffentlichungen, sogar außerhalb Deutschlands. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs schrieb der Schriftsteller erneut für Zeitungen und verfasste weiter Kinderbücher (wie etwa "Das doppelte Lottchen" im Jahr 1949). Kästner war Unterstützer der zionistischen Idee und besuchte Israel einige Male. Seine Bücher wurden schon seit den 1930er Jahren ins Hebräische übersetzt.


 

Vorderseite einer Postkarte von Kästner an den israelischen Schriftsteller Moshe Yaakov Ben Gavriel


Allerdings war Kästners Werk nicht nur auf Kinderbücher und einige Prosaarbeiten beschränkt. Er schrieb auch Lyrik und wandte sich damit an eine breite Öffentlichkeit in der Hoffnung, dass die Gedichte nicht nur in besonderen Momenten gelesen würden, sondern tagtäglich. Ein Beispiel dafür ist "Dr. Erich Kästners lyrische Hausapotheke", die er 1936 veröffentlichte (beim schweizer Verlag "Atrium" in Zürich"). Mit dieser Sammlung wollte Kästner den Lesern Gedichte für kritische Gemütszustände geben, gegen die – nach seiner Meinung – die passendsten Mittel Humor, Ärger, Gleichgültigkeit, Ironie, Kontemplatiuon und Übertreibung seien. Kästner beschrieb seine Gedichte als homöopatische Hausapotheke zur persönlichen Verwendung. Er fügte den Gedichten auch eine Gebrauchsanweisung mit Register bei, aus denen hervorgeht, welche Gedichte bei welchen Gemütszuständen zu lesen seien. Hier findet der Leser solche Begriffe wie Alter, Einsamkeit, Trägheit, Gefühllosigkeit, Krankheiten, Träume und andere. Die Gedichtsammlung war sehr populär bei deutschen Lesern und wurde auch teilweise ins Hebräische übertragen. Diese Übertragung erschien 1965 in einer schön gestalteten Ausgabe beim Kunstverlag Eked, doch ohne die Gebrauchsanweisungen des Dichters. Kästners Gedichte wurden von Yehuda Offen übertragen und zwischen ihnen einige Zeichnungen von Haim Nahor wiedergegeben. Jona Kollmann gestaltete besondere Drucktypen für den Text der Gedichte und die Bücher wurden auf beigefarbenem Papier gedruckt.


Es ist möglich, dass die Ausgabe rein zufällig im Jahr 1965 erschien, dem Jahr der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, doch besteht auch die Möglichkeit, dass die Wahl auf die Gedichte des in Israel geschätzten Erich Kästner fiel, um die israelische Leserschaft auf einen weiteren Aspekt der deutschen Literatur aufmerksam zu machen, in diesem Fall auf eine Lyrik, die mit Ironie und Humor angefüllt ist, doch auch nicht wenige tiefere Gedanken enthält.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Einband der hebräischen Übersetzung von Kästners Gedichten, Titelblatt der deutschen Originalausgabe von Kästners "Hausapotheke"