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Der deutsche Martin und der jüdische Mordechai: Das Treffen zwischen Buber und Heidegger, 1957

​Gil Weissblei


 

Gruppenfot der Teilnehmer an dem Teffen, vorn in der Mitte: Heidegger und Buber

Über mehr als 50 Jahre lag unbeachtet im Nachlass von Martin Mordechai Buber ein Umschlag mit einer Bilderserie, auf dem notiert ist: "nicht identifiziert". Ob der Schreiber dieser Worte, der auch das Ablegen der Fotografien auf diese Weise für richtig hielt, dies mit Absicht oder gar aus Furcht vor der visuellen Macht dieser Bilder tat, die eindeutig ein entspanntes Zusammentreffen zwischen Martin Buber und Martin Heidegger dokumentieren, ist ungewiss. Warum schließlich ist dieses Treffen überhaupt für denkwürdig erachtet worden bzw. warum sollte es mit dem Schleier des Ungewissen verhüllt werden?

Die Person Martin Heideggers (1889-1976) – einer der großen Philosophen und Denker des 20 Jahrhunderts – war nach dem Zweiten Weltkrieg sehr umstritten. Heidegger ragte unter den vielen Angehörigen der Geisteselite, die mit dem Naziregime während des "Dritten Reichs" kooperierten, deutlich heraus; die Machthaber identifizierten sich mit ihm und behinderten ihn an keiner Stelle bei seiner Tätigkeit. Als origineller und bedeutender Denker, der die menschliche Existenz ins Zentrum seiner Gedankenwelt stellte und in der Menschheit die Krönung aller Dinge sah, beeinflusste er ganz wesentlich jüdische Philosophen, ganz besonders aber die in Deutschland lebenden. Heidegger war der herausragende Schüler des jüdisch-deutschen Philosophen Edmund Husserl gewesen, des Begründers der Phänomenologie, und mit der Emeritierung Husserls 1928 wurde Heidegger zu dessen Nachfolger an der Universität Freiburg gewählt. Sein bedeutendstes Buch, "Sein und Zeit", widmete Heidegger bei dessen Erscheinen 1927 seinem verehrten Lehrer Husserl, obwohl er eigentlich in diesem Buch gegen Husserls Grundgedanken antrat. Von Beobachtern wurde dies als Symbol für die tiefe und komplexe Beziehung von zwei Philosophen aus unterschiedlichen Generationen gewertet.

Den Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 wurde von Heidegger begrüßt. Einige Monate nachdem Hitler die Regierung übernommen hatte, trat er offiziell der NSDAP bei und als Anerkennung für diesen Schritt wurde er zum Rektor der Universität Freiburg ernannt, blieb in dieser Funktion jedoch nur ein Jahr. In diesem Jahr unternahm Heidegger Schritte, die die Regierung zufrieden stellen sollten, darunter auch rassistische Maßnahmen gegen einige seiner jüdischen Kollegen. Einer der symbolischsten Schritte, der Heideggers Ruf als Kollaborateur der Nazis mit begründete, war die Annullierung aller Rechte seines greisen Lehrers Husserl als Professor emeritus der Universität Freiburg wegen dessen jüdischer Herkunft (obgleich Husserl zum Christentum konvertiert war). In der zweiten Auflage seines Buches "Sein und Zeit" von 1941 tilgte Heidegger die Widmung für Husserl, möglicherweise auch auf Druck des Verlegers. Hanna Arendt, die eine von Heideggers bekanntesten Schülerinnen war und über deren intime Beziehung zu ihm viel geschrieben wurde, behauptete, dass Heidegger mit diesem Schritt gegen seinen Lehrer dessen Leben verkürzt und indirekt seinen Tod herbeigeführt habe. Heideggers problematisches Verhältnis zu Hitler und zum Nationalsozialismus kam noch deutlicher zum Vorschein, als die Ideologie in seine Philosophie eindrang. Einige Abschnitte einer Rede, die er an der Universität Freiburg gehalten hatte und in der er die Führerschaft Hitlers und das "Dritte Reich" rechtfertigte, übernahm er in sein Buch "Einführung in die Metaphysik", das 1935 erschien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Heidegger nahezu geächtet. Die Versuche zur Reinigung seines Namens, sogar von Seiten seiner jüdischen Studenten, wie Hanna Arendt, hatten gerade den gegenteiligen Effekt. Sein Denken und seine Persönlichkeit waren bei vielen in Deutschland und jenseits der Grenzen diskreditiert. Der Kontakt zwischen ihm und Martin Buber schien somit – nach dem Holocaust – unmöglich, selbst für einen liberalen Geist wie Buber, der in seinen milden Ansichten gegenüber Deutschland und den Deutschen vielen seiner Zeit voraus eilte.  In Bubers Biografie von Maurice Fridman zitiert dieser Aussagen, die Buber ihm geschrieben hat, wonach "der Mensch Heidegger mehr nach meinem Geschmack ist als dessen Schriften". An anderer Stelle wird Buber mit einer anderen Äußerung zitiert, wonach alles, was zu Heideggers Schande gesagt werden könne, durch Buber schon in der Zeit des Geschehenen selbst geschrieben wurde, weshalb es zwecklos sei, diese Dinge zu wiederholen, wo doch alles schon vergangen sei. Allerdings äußerte sich Buber nie in seinen Schriften oder öffentlichen Reden über Heidegger. Sonderbarer Weise sprach auch Heidegger in einem Interview mit den westdeutschen Medien zurückhaltend über Buber und sagte, dass dessen Name ihm nur "von Hören" bekannt sei, er diesen aber nie persönlich getroffen habe. Dennoch besteht kein Zweifel, dass Heidegger die Schriften Bubers gut kannte. Er beeinflusste sogar den Verleger der für ihn geplanten Festschrift, um in dieser noch Platz für einen Beitrag Bubers zu reservieren. Buber lehnte jedoch mit dem Hinweis auf sein aus Altersgründen nachlassendes Augenlicht ab.

 

 

Buber und Heidegger an der Kaffeetafel: zweiter von links: Martin Buber, zweiter von rechts: Martin Heidegger, vorn links: Paula Buber

Jegliche gegenseitigen Befürchtungen über die öffentliche Aufmerksamkeit wie auch die Verschleierung der persönlichen Kontakte scheinen in der Bilderserie wie weggeblasen, die ein freundliches und sogar herzliches Treffen dokumentiert, das im späten Frühling 1957 stattfand. Vor dem malerischen Hintergrund der Schweizer Alpen kam über zwei Tage das Treffen zwischen beiden auf dem Gut des Prinzen Albrecht von Schaumburg-Lippe zustande, bei dem eine Konferenz zum Thema der Sprache angedacht wurde. Der Gastgeber der beiden Denker war der Prinz, ein Schwager von Clemens Graf von Podewils (1905-1978), der in diesen Tagen als Generalsekretär der Bayerischen Akademie der Künste in München fungierte. Bei der Organisation des Treffens zwischen dem deutschen und dem jüdischen Philosophen hatte auch Carl Friedrich von Weizsäcker seinen Anteil, Physiker und anerkannter Wissenschaftsphilosoph, der Bruder des späteren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (ab 1984). Diese beiden Persönlichkeiten waren ebenso an einer entsprechenden Tagung an der Bayerischen Akademie interessiert und bemühten sich, Buber und Heidegger zu den Beratungen über Inhalte und Ziele der Konferenz hinzuzuziehen. Das Treffen fand in entspannter Atmosphäre, entfernt von der Öffentlichkeit statt.

Nach den Bekundungen eines Teilnehmers bei dem Treffen gab Buber zu, zu Heidegger sofort eine ungewöhnliche Beziehung entwickelt zu haben. Beide zögerten nicht, einerseits über Vorurteile gegen Juden, andererseits aber auch über den Nazi-Rektor zu spotten. Auf den Fotos sieht man beide lächeln, auf einigen von ihnen auch Paula Buber an der Seite ihres Mannes bei einer der Mahlzeiten unter freiem Himmel. Wegen des plötzlichen Todes von Paula Buber einige Monate später sagte Buber seine Teilnahme an der Konferenz schließlich ab, die somit nie wie geplant zustande kam.

Die fanszinierenden Gespräche zwischen Buber und Heidegger bei dem historischen Treffen wurden durch von Weizsäcker genau dokumentiert, der die historische Bedeutung dieses einmaligen Dialogs gut verstanden hatte. Schuld, Sühne und Verzeihung waren ein Teil der Themen, über die zwischen beiden gesprochen wurde, einem jüdischen Religionsphilosophen und einem deutschen Philosophen, der von der Religion abgefallen war. Beide waren in weitem Maße durch die Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen dem Menschen und dem Göttlichen verbunden.

 


Persönliche Widmung für Buber von Heidegger in dessen Buch über Hebel:

"Für Martin Buber in aufrichtiger Verehrung, Martin Heidegger, Altreuthe 29. Mai 1957"