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Das Treffen zwischen David Ben Gurion und Konrad Adenauer in New York, 1960

​Im Jahr 1960, nur 15 Jahre nach dem Holocaust, war es noch nicht selbstverständlich, dass es die Möglichkeit für ein Treffen zwischen offiziellen Vertrtern aus Israel und Deutschland geben könnte. Die Erinnerung an die Naziverbrechen und an das mehrheitliche Schweigen der deutschen Bevölkerung war im Gedächtnis der Überlebenden und der israelischen Gesellschaft insgesamt noch sehr frisch. Zwar gab es erste Verbindungen im Rahmen der Verhandlungen zur Wiedergutmachung 1952, doch zeigten die Reaktionen der israelischen Öffentlichkeit, dass selbst diese Kontakte von Teilen der Bevölkerung nicht akzeptiert wurden.

​Die Frage nach den inoffiziellen und offiziellen Kontakten war stets mit der Problematik der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Staaten verbunden. Bei der Unterzeichnung des Wiedergutmachungsabkommens signalisierte die deutsche Seite ihre Bereitschaft zu diesem Schritt, doch zögerten die Israelis und bedeuteten, dass es aus ihrer Sicht noch zu früh für diesen Schritt sei. In der Mitte der 1950er Jahre drehte sich die Situation: Israel war jetzt grundsätzlich zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen mit Westdeutschland bereit, doch zögerte nun der deutsche Staat, der im Rahmen der breiteren Politik die Reaktion der arabischen Staaten fürchtete: diese konnten im Gegenzug die DDR anerkennen, was jedoch die politischen Führer Westdeutschlands mit Rücksicht auf die "Hallstein-Doktrin" vermeiden wollten. Diese Doktrin sah vor, dass die Bonner Regierung den östlichen Teil Deutschlands isolieren wollte, der politisch als souveräner Staat weltweit kaum anerkannt war. Ebenso musste jeder Staat, der dennoch Beziehungen zur DDR aufnehmen würde, mit diplomatischen Kriesen in den Beziehungen zur BRD rechnen. Dies ist letztlich der eigentliche Grund, dass die offiziellen Beziehungen zwischen der BRD und Israel nicht vor 1965 aufgenommen wurden.


 

Ein Artikel aus der Tageszeitung "Davar" vom 15. Mürz 1960

über das Treffen Ben Gurion – Adenauer


Dennoch stimmten die politischen Führer Israels und Westdeutschlands am Jahresbeginn 1960 darin überein, dass die Zeit für eine weitere Annäherung gekommen sei. Ausdruck dessen war ein offizielles Treffen zwischen den beiden führenden Staatsmännern: David Ben Gurion und Konrad Adenauer. Dafür legten beide Seiten fest, dass im Laufe offizieller Aufenthalte beider in New York jeweils das exquisite Hotel "Waldorf-Astoria" in Manhattan gewählt werden würde. Nur zwei Stockwerke trennten die Suiten der Politiker. Zahlreiche Journalisten hatten gerüchteweise vom geplanten Treffen gehört und warteten in den Korridoren des Hotels in der Hoffnung auf ein Foto vom "historischen Moment" und einen Bericht darüber. Ben Gurion, damals 73jährig – als der jüngere von beiden – entschied, dass er sich zum 84jähringen Adenauer begeben würde. Beim Zusammentreffen der beiden Staatsmänner – der eine Sozialist (Ben Gurion) und der andere konservativ (Adenauer) – stellte sich schnell heraus, dass dennoch die "Chemie" zwischen beiden stimmte. Sie fanden in ihrem Gegenüber jeweils einen angenehmen Gesprächspartner und sprachen zwei Stunden miteinander, obwohl das Treffen natürlich vom Schatten der Geschichte, des Holocaust und des Zweiten Weltkriegs teilweise überdeckt war. Es ist selbstverständlich, dass dieses Thema beim Treffen der beiden auch angesprochen wurde. Der Fakt, dass Adenauer bei den Nazis nicht geschätzt war (er wurde von ihnen 1933 von seinem Amt als Oberbürgermeister Kölns enthoben) war der israelischen Seite sicher bewusst und erleichterte ohne Zeifel die Absprachen für das Treffen und den Dialog mit Ben Gurion.


Im Verlauf des Treffens besprachen die beiden Staatsmänner verschiedene Themen, wie etwa finanzielle Unterstützungen für Israel, Waffenlieferungen an die israelische Armee, Probleme bei der Integration der Neueinwanderer in Israel, die Kibbutzbewegung und die allgemeine politische Lage. Das positive Gespräch führte im Weiteren zu langjährigen Finanzhilfen für Israel und schließlich auch zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen fünf Jahre später. Bei seiner Rückkehr nach Israel erwartete Ben Gurion starker Widerstand der politischen Rechten und von Bürgern, die in jeglichen Kontakten zu offiziellen Stellen in Deutschland einen Verrat an den Opfern des Holocaust sahen. Im Jahr 1965, als beide Länder schließlich Botschafter austauschten, waren Adenauer und Ben Gurion schon nicht mehr im Amt, doch blieben sie weiter in schriftlichem Kontakt. 1966 kam Adenauer zu einem Privatbesuch nach Israel und suchte auch Ben Gurion in seinem Haus in Sde Boker auf. Ein Jahr darauf fuhr Ben Gurion nach Deutschland zum Staatsakt zu Ehren Adenauers, der mit 91 Jahren verstorben war. Der erste Ministerpräsident des Staates Israel bezeugte so dem ersten Bundeskanzler die letzte Ehre.


Die israelische Presse begleitete intensiv das Treffen von 1960 und die Annäherungen überhaupt. Die Zeitungen veröffentlichten Artikel, Fotos und auch Karrikaturen zum Thema. Einer der führenden Karrikaturisten jener Zeit war Kariel Gardos (1921-2001), der den Israelis unter unter dem Pseudonym "Dosh" bekannt ist. Seine Karrikaturen kommentierten die israelische Politik und Gesellschaft über viele Jahre hinweg, vor allem in der Zeitung "Ma'ariv" aber auch in Sammelbänden mit seinen Arbeiten. Natürlich wurde auch die politische Annäherung zwischen Israel und Deutschland zum Thema von Dosh's Karrikaturen, wie in der hier gezeigten, die anlässlich des Treffens zwischen Adenauer und Ben Gurion entstanden war. Aus der Karrikatur spricht, dass Dosh dem Treffen etwas distanziert gegenüber stand. Er selbst war Überlebender des Holocaust und hatte fast seine gesamte Familie verloren, die in Ungarn ermordet worden war. Auch die beiden Figuren in der Karrikatur, der jüdische Holocaustüberlebende und der ehemalige (?) Nazi können – jeder auf seine Art – nicht verstehen, wie sich die Zeiten so stark verändern konnten.


 

 

Quelle: Dosh Archive, Archives Department, ARC. 4* 1793 07 21