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Der Schriftsteller Moshe Yaakov Ben Gavriel und die Aktivistin der "Roten Armee Fraktion", Gudrun Ensslin

Brief des Verlags Bertl Petrei an Moshe Yaakov Ben Gavriel, unterzeichnet von Gudrun Ensslin

Im Oktober 1963 erhielt der israelische Schriftsteller Moshe Yaakov Ben Gavriel ein Schreiben vom deutschen Verlag Bertl Petrei aus Stuttgart. Ein Anschreiben eines deutschen Verlags an den damals bei deutschen Lesern sehr populären Ben Gavriel war eigentlich nichts Besonderes. Allerdings setzte der Inhalt des Briefes den Schriftsteller in einige Aufregung. Der deutsche Verlag bat ihn um eine Stellungnahme zum Werk des deutschen Schriftstellers und Dichters Will Vesper (1882-1962), der sich klar mit der NS-Ideologie identifiziert und eindeutig die Ziele der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 unterstützt hatte. Seine Rede bei der Bücherverbrennung im Frühjahr 1933 in Dresden war dafür ein klares Zeugnis. Vesper hetzte auch öffentlich gegen Juden und insbesondere gegen jüdische Schriftsteller in deutscher Sprache. Auch nach 1945 behielt er weitgehend seine nationalen und faschistischen Haltungen bei. Vor diesem Hintergrund war die Bitte des Verlags an Ben Gavriel um die Abfassung einer Besprechung einer neuen Anthologoie mit Novellen des NS-Schriftstellers – gelinde gesagt – problematisch.

 


Ben Gavriel hatte sofort die Dimensionen des Problems verstanden und antwortete, dass die Anfrage von einiger Geschmacklosigkeit zeuge und er nicht bereit sei, sich zu Werken eines NS-Autors zu äußern. Nach der Formulierung im Antwortbrief (eine Kopie davon findet sich im Nachlass von Ben Gavriel) sandte er diesen zusammen mit dem zugesandten Buch wieder zurück an den Absender, den Verlag Bertl Petrei. Doch schon einge Tage danach erreichte ihn ein zweiter, längerer Brief aus dem Verlag, in dem versucht wurde, den jüdischen Schriftsteller in Jerusalem zu beruhigen sowie die Bitte wie auch die Position von Will Vesper in der deutschen Literatur zu rechtfertigen. Doch bezog sich der Schreiber des zweiten Briefes überhaupt nicht auf die problematischen biografischen Fakten in Vespers Leben, die nicht gerade für ihn sprachen, ganz sicher in der Zeit um 1963, als es nicht mehr so einfach war, die NS-Vergangenheit herausragender Personen in der Kulturlandschaft zu verbergen. Die beiden Briefe aus dem Verlag wurden von unterschiedlichen Personen unterzeichnet. Der erste von Gudrun Ensslin und der zweite von S. Mauer. Es ist nicht sicher, wer der oder die zweite Unterzeichnende war, doch der Name Gudrun Ensslin ist sehr gut aus einem völlig anderen Kontext bekannt, der mit Ereignissen in Deutschland zwischen 1968 und 1993 zu tun hat.


Zu jener Zeit bildete sich eine Organisation von linksgerichteten radikalen Aktivisten, die in einer langen Reihe von Terrorakten, Entführungen und Raubüberfällen gegen das politische System in Westdeutschland agierten. Was der Schriftsteller Moshe Yaakov Ben Gavriel noch nicht wissen konnte und durch seinen Tod 1965 auch nie erfuhr: Gudrun Ensslin, die den ersten Brief aus dem Verlag an ihn unterschrieben hatte, gehörte zu den führenden Figuren der linken Terrororganisation namens "Rote Armee Fraktion" (RAF). Diese Organisation erschütterte hauptsächlich in den 1970er Jahren die westdeutsche Gesellschaft und spaltete diese in Ablehnende und Befürworter der RAF, die nach eigenem Bekunden gegen das kapitalisch-imperialistische System mittels einer "Stadtguerilla" vorging. Dafür hielten sich Mitglieder der Untergrundorganisation auch in einem Trainigslager der PLO in Jordanien auf, unter ihnen auch Gudrun Ensslin. Der Höhepunkt der Aktionen – gleichzeitig der Höhepunkt der gesellschaftlich-politischen Krise in Westdeutschland – wurde im Herbst 1977 erreicht, als palästinensische Terroristen ein deutsches Verkehrsflugzeug entführten und für die Freilassung der Reisenden die Entlassung der RAF-Spitze aus der Haft forderten, wo sie sich bereits seit 1972 befand, unter ihnen Andreas Baader, Ulrike Meinhoff und Gudrun Ensslin. Infolge der gescheiterten Flugzeugentführung – alle Insassen wurden befreit – verübten einige der führenden inhaftierten Terroristen im Oktober 1977 Selbstmord, so auch Ensslin. Die Anhänger der Organisation äußerten laut Zweifel an der Selbstmordversion und in ihren Augen verwandelten sich die Toten in Märtyrer. Die Terrorgruppe agierte noch Jahre weiter und löste sich erst in den frühen 1990er Jahren auf.


 

​Darstellung der RAF-Geschichte durch den Publizisten Stefan Aust Englische Übersetzung von Stefan Austs Darstellung zur RAF


 

Jedoch waren all diese Ereignisse im Jahr 1963 noch in weiter Ferne, als Gudrun Ensslin an Moshe Yaakov Ben Gavriel aus dem Verlag schrieb, der die Werke von Will Vesper veröffentlichte. Es stellt sich die Frage, warum sie mit einem kommerziellen Verlag gerade in dieser Sache kooperierte, wenn sie doch einige Jahre danach energisch gegen jeden Ausdruck des "kapitalistisch-imperialistisch-faschistischen Systems" vorging? Untersuchungen zur Biografie Ensslins brachten hervor, dass sie in dieser Zeit eine Beziehung mit dem Sohn von Vesper, Bernward Vesper, hatte. Der Sohn des NS-Schriftstellers suchte nach Wegen der Verarbeitung des geistigen Erbes seines Vaters und betrieb daher die Neuausgabe von dessen Werken, auch mit Unterstützung Ensslins, die später zur führenden Terroristin wurde. Die Schreiben von Bernward Vesper und seiner Partnerin Ensslin an Ben Gavriel und die Formulierungen in den Briefen verweisen auf einige politische Verwirrungen. Diese kennzeichneten große Teile der Unterstützer der radikalen Linken, vor allem in Hinsicht auf deren problematische Haltung gegenüber Juden und Israel, ein Umstand, der bis heute bei Teilen der deutschen Linken anzutreffen ist.