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Der erste Auschwitz-Prozess in Deutschland, 1963-1965

​Neben der kleinen polnischen Stadt Auschwitz (Oświęcim) errichtete die SS ab 1940 ein Konzentrationslager von gewaltigen Dimensionen und daneben auch ein Vernichtungslager, Auschwitz-Birkenau. In diesem Lager brachten die Nazis die Massenvernichtung in Gaskammern zu unbarmherziger und industrieller Effizienz. Schätzungen zufolge wurden in diesem Lager mehr als eine Million Menschen ermordet oder starben durch schwere Zwangsarbeit, die sie dort verrichten mussten. Mehr als 8000 SS-Angehörige dienten in Auschwitz und waren an dem über beinahe fünf Jahre andauernden Kollektivmord beteiligt, bis zur Befreiung des Lagers durch die Sowjetarmee am 27. Januar 1945. An diesem Datum wird seit 1996 in Deutschland den Opfern des Holocaust gedacht (davor gab es keinen solchen Gedenktag) und seit 2005 – 60 jahre nach der Befreiung – ist dies der internationale Gedenktag für den Holocaust.

​Mehr als 8000 SS-Leute, die in dem größten Konzentrationslager gewirkt hatten: diese Gruppe hätte eigentlich nach dem Krieg im Zentrum der Aufmerksamkeit von Staatsanwälten und Gerichten stehen müssen. Solange Deutschland seine Souveränität noch nicht wieder erlangt hatte, also bis zum Jahr 1949, bemühten sich die juristischen Institutionen der Alliierten, solche Personen gerichtlich zu belangen, die an der Planung und Ausführung der Vernichtung beteiligt gewesen waren. Diese Anstrengungen fanden Ausdruck in den Nürnberger Prozessen bald nach Kriegsende. Der erste Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, wurde 1947 von einem polnischen Gericht zum Tode verurteilt und im selben Jahr auf dem Gelände des Lagers Auschwitz gehenkt. Bis dahin war er einer der wenigen Hauptverantwortlichen für Auschwitz gewesen, die vor Gericht gestellt wurden. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten stand die strafrechtliche Verfolgung von Holocaustverbrechen nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von juristischen Behörden oder der breiten Gesellschaft. Die in Ostdeutschland vorherrschende Ideologie gab vor, dass gemäß der Selbstdefinition als antifaschistischer Staat eine Verantwortung für die Taten der Nazis nicht bestünde, denn diese seien ohnehin alle im Westteil des Landes versammelt. In Westdeutschland hingegen kehrte ein Großteil der juristischen und wirtschaftlichen Elite an die alten Positionen zurück und sorgte häufig dafür, dass das Thema Holocaust und unmenschliches Verhalten nicht zum öffentlchen Diskurs gelangten. In den allermeisten Fällen wurde diese Sichtweise von den meisten Bürgern beider Länder widerspruchslos akzeptiert. Im Übrigen waren die Meisten mit dem Wiederaufbau des zerstörten Landes und mit den Herausforderungen des alltäglichen Lebens beschäftigt. Hier und dort wurden vereinzelte Prozesse gegen führende Nazis und SS-Angehörige abgehalten, doch bis zum Ende der 1950er Jahre war die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass unter die NS-Zeit ein Schlussstrich gezogen werden müsse und an der Vergangeneheit nicht gerührt werden sollte. Doch dachten nicht alle so. Unter den Andersdenkenden waren einige Frankfurter Juristen, hauptsächlich im Büro des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (1903-1968).

 

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 Ausstellungskatalog über den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, 2014

Im Jahr 1953 erstatte ein ehemaliger Auschwitzhäftling Anklage gegen einen der SS-Wächter im Lager, Wilhelm Boger. Der ehemalige Häftling hatte Boger auf den Straßen Stuttgarts gesehen. Zur selben Zeit übersandte ein Frankfurter Journalist aussagekräftige Dokumente an die hessische Generalstaatsanwaltschaft. Diese Dokumente berichteten über die Taten der Nazis in Auschwitz und nannten Namen von Nazimördern und auch von ihren Opfern. Nach der damals in Deutschland gängigen Rechtsauffassung waren die Naziverbrechen gegen Juden und Andersdenkende bereits verjährt, mit Ausnahme von Mord. Mit Hilfe der Dokumente konnten nun konkrete Mordfälle namentlich genannten Personen zugeordnet werden, was wiederum die Aufnahme von gerichtlichen Ermittlungen gegen die Mörder erlaubte. Der Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, der selbst jüdischer Herkunft war, sich aber nicht als gläubiger Mensch definierte (er war SPD-Mitglied), trieb die Untersuchungen maßgeblich voran und übergab sie jungen Staatsanwälten, die nicht von der NS-Ideologie identifiziert waren. Im Laufe von vier Jahren sammelten diese Staatsanwälte Dokumente, Beweise und Zeugenaussagen. Zudem kooperierten sie mit dem Internationalen Auschwitz-Kommitee (dem Dachverband der ehemaligen Häftlinge), hauptsächlich aber mit dessen Generalsekretär, Hermann Langbein. Während der Untersuchungen identifizierten die Ermittler 20 Tatverdächtige, die in Auschwitz gedient hatten, unter ihnen der letzte Lagerkommandant Richard Baer, sowie dessen Adjudant Robert Mulka. Baer verstarb in Untersuchungshaft, so dass schließlich 19 Angeklagte vor Gericht belangt wurden. Im Laufe der Verhandlungen wurden 360 Zeugen aus verschiedenen Ländern vernommen; sogar Reisen nach Auschwitz wurden arrangiert, um die Behauptungen von Angeklagten und Zeugen vor Ort prüfen zu können. Der Prozess wurde von Anfang 1963 bis 1965 abgehalten und zog großes Interesse der Medien und der Öffentlichkeit in Deutschland und im Ausland auf sich. 17 Angeklagte erhielten Haftstrafen, sechs von ihnen lebenslang und elf weitere Haftstrafen bis zu 14 Jahren.

 


In Folge des Prozesses wurden weitere Verfahren aufgenommen, alle gegen kleinere Gruppen von Angeklagten. Insgesamt wurden in allen Auschwitz-Prozessen in Detuschland nur 60 Personen angeklagt: 60 von mehr als 8000- Zum Vergleich: In Polen mussten sich mehr als 600 von ihnen vor Gericht verantworten. Insgesamt wurden somit nur zehn Prozent aller in Auschwitz beteiligten Wachleute überhaupt zur Rechenschaft gezogen. Diese Zahl verdeutlicht, dass der Umgang mit dem Thema nicht sehr breit angelegt war, vor allem nicht in Deutschland. Dennoch stellen die Auschwitz-Prozesse kein völliges Fiasko dar. Durch die Zeugenaussagen und die Berichterstattungen in den Medien wurden viele Deutsche erstmals mit den bitteren Realitäten im "Dritten Reich" aus der Sicht der NS-Opfer konfrontiert. Zusammen mit den öffentlichen Diskussionen um antisemitische Vorfälle (wie die Entweihung der Kölner Synagoge 1959) und dem Eichmann-Prozess waren die Frankfurter Auschwitz-Prozesse Meilensteine bei der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Deutschlands und der moralischen Verantwortung für die Opfer.


Ein Ausdruck für das stets wachsende Interesse am Thema ist die große Anzahl von Büchern, die seit 1965 erschienen und sich mit unterschiedlichsten Aspekten der Auschwitz-Prozesse befassen. Unter diesen Büchern finden sich Analysen der Zeugenaussagen und die Schicksale der Verfolgten, Dokumentationen der Prozesse, Quellenpublikationen und auch ein umfassender Ausstellungskatalog über die Person Fritz Bauers.

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 Eindrücke einer Augenzeugin im ersten Auschwitz-Prozess in Briefform, 1965

 Dokumentation des Auschwitz-Prozesses von Hermann Langbein, 1965

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 Erster Teil einer zweibändigen Edition wichtiger Dokumente aus dem Auschwitz-Prozess, 2013

 Englische Monografie über den ersten Auschwitz-Prozess, 2010